Schlusstakt: Narrenschiff

Die Eifersucht der Gläubigen

Wenn ich Kunst zum Meisterwerk erkläre, melde ich rigoros Unfehlbarkeitsanspruch an und erwarte, dass meine Begeisterung flächendeckend geteilt wird.

Gleichzeitig reklamiere ich aber auch Exklusivität. Selbst wenn ich die Entdeckung des Meisterwerks mit anderen teilen muss, so bin ich doch weit und breit der Einzige, der es richtig verstanden hat.

Das Meisterwerk gehört also mir allein und soll gleichzeitig von allen bewundert werden. Mein Wunschtraum: Alle wollen ins Konzert rein – aber ich bin der Einzige, der darf. Und nach dem Konzert applaudieren mir die Künstler, weil niemand sie so gut verstanden hat wie ich.

Es soll sogar politische Parteien geben, die sich einerseits ganz selbstverständlich in Richtung 30 Prozent Wähleranteil orientieren, weil sie als Einzige den Willen des Volkes kennen und seine Sprache sprechen. Die sich aber gleichzeitig wehklagend als unverstandene Randgruppe die Märtyrerkrone gleich selbst aufsetzen. Dazu gesellen sich jene «Stimmen gegen den Zeitgeist», die von Talkshow zu Talkshow gereicht werden, um dort darüber zu jammern, dass ihre Stimme totgeschwiegen werde. – Schön wär's!

Auch in der Religion gibt es diese Eifersucht der Gläubigen. Sie träumen beispielsweise davon, dass die ganze Schweiz (mindestens!) katholisch tickt. Gleichzeitig möchten sie aber zum Fähnlein der sieben (maximal!) Aufrechten gehören. Und wenn sich die Kirche partout nicht gesundschrumpfen lässt, dann werden wenigstens ganz viele Gruppen gebildet, die penetrant auf ihre Exklusivrechte am richtigen Glauben pochen. So lange und unerbittlich, bis man sich doch wieder nach einem einzigen unfehlbaren Papst sehnt.

Diese Eifersucht plagt nicht nur uns Katholiken. Wir teilen sie mit allen anderen Christen, die einerseits lautstark den Absolutheitsanspruch des Christentums geltend machen und sich gleichzeitig elitär in einer Kirche der Eingeweihten verbunkern.

Begonnen haben mit diesen Eifersüchteleien schon die Apostel. Auch sie wollten einerseits niemand geringerem als dem Messias folgen und diesen andererseits ganz für sich allein haben. Bereits Kinder empfanden sie dabei als Gefahr, denen man den Zugang verwehren musste.

Die Spaltung des Christentums in unzählige Bekenntnisse und die Kriege zwischen den Bekenntnissen haben in der Eifersucht der Gläubigen ihren Ursprung. Diese Eifersucht verlangt: Alle müssen so glauben wie ich! – Und diese Eifersucht beharrt gleichzeitig darauf: Keiner kann so glauben wie ich!

Text: Thomas Binotto