Editorial

Gedankenreise

Ich liebe das Reisen. Und längst nicht immer brauche ich dazu ein Flugticket.

Reisen macht Spass und bildet – selbst wenn ich dazu lediglich ein Ticket für Schauspiel, Oper oder Ballett in Händen halte.

Die Künste entführen mich an fremde Orte und lassen mich die Welt durch die Augen anderer Menschen erleben. Dabei staune ich, leide mit, steige auf, stürze ab. Das ist mal betörend, mal verstörend, manchmal versichernd, dann wieder verunsichernd. Immer aber bereichern mich diese Touren, denn sie erweitern meinen Horizont.

Während ich mehr oder weniger fest und bequem in meinem Stuhl sitze, hebe ich innerlich ab und erforsche, was ist, was geht, und was kommt. Ich erkunde meine Denk-, Fühl-, Handlungs- und Möglichkeitsräume. Das Geschehen auf der Bühne lotet die Gegenwart aus, setzt und verschiebt Grenzen.

Und ich? Ich gehe mit, erlebe Spannung, erlebe Entspannung und gehe auf Studienreise durch meine Empfindungen.

Reisen, um bei mir anzukommen, kann ich auch mit einem Buch. Zu Hause auf dem Sofa oder – immer lieber – in einer Bibliothek. Das Rascheln der Seiten, die huschenden Schritte, die körperlich spürbare Konzentration – hier kann ich mich verlieren, um mich wiederzufinden.

Lesen ist wie Kunstgenuss: Entschleunigung pur. Ich klinke mich aus meinem Alltag aus und tauche in Parallelwelten ein, besuche Rückzugs- und am allerliebsten auch Sehnsuchtsorte. Lädt mich nicht gerade auch die Fastenzeit dazu ein, mich mehr der Langsamkeit zu widmen?

Im Theater und im Buch öffnet sich mir die weite Welt. Und ich weiss, dass mir ein grosses Stück Menschlichkeit verloren ginge, wenn ich aufhörte, mich zu bewegen und bewegen zu lassen. Auch ganz ohne Flugticket.

Text: Pia Stadler