Standpunkt: Beziehungspastoral

Ohne Chef unterwegs

Vor zwei Jahren hat Papst Franziskus sein Schreiben zu Ehe und Familie «Amoris laetitia» veröffentlicht. Noch immer wird das Dokument – teilweise heftig – diskutiert. Und noch immer gibt es viel zu tun.

Das nachsynodale Schreiben von Papst Franziskus «Amoris laetitia – Die Freude (an) der Liebe» bleibt umstritten. Was er will, ist keineswegs unverständlich: eine von vielen mitverantwortete Beziehungspastoral. Die Frage ist nur, ob wir dies verstehen wollen.

In den meisten Pfarreien im Kanton Zürich sind Ehevorbereitungen Sache des Priesters oder Diakons, allenfalls ergänzt durch ein- oder zweitägige Kurse vom Katholischen Eheseminar Zürich oder in Migrationsgemeinden.

Franziskus appelliert jedoch an alle, die sich zu einer christlichen Gemeinde zugehörig fühlen, für die seelsorgerliche Begleitung von Braut- und Ehepaaren mitverantwortlich zu sein. Auch die Schweizer Bischöfe betonen in ihrem Schreiben «Für eine Erneuerung der Ehe- und Familienpastoral»: «Sie ist eine Angelegenheit und Aufgabe für alle und nicht nur für einige Spezialisten.»

An einem Pastoralkongress im Herbst 2017, veranstaltet vom Generalvikariat, haben die Teilnehmenden unter anderem als Fazit mitgenommen: Beziehungspastoral braucht Raum und Zeit, damit Freundschaft, Vertrautheit, Offenheit wachsen kann. Sie braucht Vielfalt – Menschen mit unterschiedlichen Lebenserfahrungen, damit so auch viele angesprochen, verstanden, integriert werden können. Denn der Kirche traut man nur noch wenig zu in Bezug auf Partnerschaft und Familien – sie scheint aus diesen differenzierten Lebenswirklichkeiten schon längst «ausgetreten» zu sein! Eher traut man noch einzelnen Kirchenleuten, die man kennt und sympathisch empfindet.

In der Westschweiz ist es gang und gäbe, dass Brautpaare nicht durch den Pfarrer vorbereitet und weiterhin begleitet werden, sondern durch eine Gruppe von Eheleuten, Singles oder auch Geschiedenen. In der Deutschschweiz bieten die wenigen Fachstellen für Partnerschaft, Ehe und Familie (PEF) wie in St. Gallen oder im Wallis tolle Angebote. Auch in Pfarreien werden gute Ideen verwirklicht – wie beispielsweise ein feines Essen mit Impulsen am Valentinstag, drei Abende zum Thema «Was Paare stark macht» im Toggenburg oder «Beziehungspflege über Stock und Stein», eine Wanderung speziell für Ehepaare in Zofingen. Doch meist wird dies von Hauptamtlichen initiiert.

Wenn wir «Amoris laetitia» umsetzen wollen, dann braucht es nach Ansicht der Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Pastoralkongress 2017 zusätzlich eine Emanzipation der Laien von den Hauptamtlichen.

Die freiwillig und aus innerer Überzeugung Engagierten müssten sich befreien von ihrer Abhängigkeit von den Hauptamtlichen, die auf diesem Gebiet durchaus «Nichtfachleute» sein können. Und die hauptberuflich pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter wiederum müssten erkennen, dass ihre vorzügliche Hausaufgabe darin besteht, geeignete Pfarreimitglieder zu finden, zu rüsten und zu begleiten, damit diese ihre Aufgaben in ihren eigenen Häusern und Wohnungen mit anderen zusammen kreativ und vielfältig machen wollen und können.

Der Papst und die Schweizer Bischöfe muten uns «Laien», aber auch dem hauptberuflichen Seelsorgepersonal viel zu – packen wir's an?

Text: Rudolf Vögele, Leiter Ressort Pastoral im Generalvikariat Zürich-Glarus