Stolpersteine: «Frauenpower»

Stolpern bis zur Gleichberechtigung

Am 8. März ist internationaler Tag der Frau. Ein alter Zopf, könnte man meinen. Können Frauen nicht längst Kinder haben und Karriere machen?

Aber dann stolpere ich über dies: «Nein zur Frauenquote im Bundesrat» – eine Schlagzeile im Januar. Die Frauenquote ist also noch ein Thema? Oder doch nicht? Die Frage zur Frauenquote wird den Parteien übergeben. So viel zur Politik.

Und in der katholischen Kirche? Meine Wette, die ich vor 20 Jahren abgeschlossen habe, habe ich verloren. Eine Kiste Wein hat es mich gekostet, dass es bis heute keine Priesterinnen gibt. Wie war ich doch blauäugig.

Ich muss offenbar noch viel lernen. Aber auch die katholische Kirche, denn wie es Eleonora Dusa einmal gesagt hat: «Ohne Frauen geht es nicht. Das hat sogar Gott einsehen müssen.»

Ich habe mich oft gefragt, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich später geboren wäre. Was, wenn ich den Kampf ums Frauenstimmrecht nicht miterlebt hätte? Wenn Apartheid mich nicht zu Protestaktionen gezwungen hätte? Wenn Frauen die Priesterweihe empfangen könnten?

Eines weiss ich bestimmt: Gelöste Probleme machen uns selten glücklicher.

So bin ich glücklich, dass ich die Solidarität der Frauen geniessen kann. Wir Frauen sind powervoll gemeinsam unterwegs. Wir kämpfen, streiten, beten, singen, pilgern, hoffen und träumen von einer gerechten Welt. Einer Welt, in der nicht jüdisch noch griechisch, nicht versklavt noch frei, nicht männlich noch weiblich, sondern geschwisterlich gelebt wird.

Ich habe gelernt, Wetten nur dann abzuschliessen, wenn ich sicher bin, sehr sicher, dass ich Recht habe. Denn das nächste Mal möchte ich Schoggi gewinnen, statt Wein verlieren.

Doch gerne wette ich mit Ihnen allen, dass wir auch in zehn oder zwanzig Jahren noch über den Internationalen Tag der Frau stolpern können, denn wir Frauen bleiben im Gespräch. Wir werden weiterhin Kinder und Karriere unter einen Hut bringen und zusätzlich aktiv in der Kirche mitwirken. Und irgendwann werden wir das auch auf allen Ebenen der kirchlichen Hierarchie tun.

Text: Rita Inderbitzin, Seelsorgerin Bahnhofkirche Zürich