Editorial

Die Letzten werden die Ersten sein

Es gibt Hoffnung für unsere vom Aussterben bedrohten Ordensgemeinschaften, denn «Die Letzten werden die Ersten sein».

Kaum einer kirchlichen Tradition wird so oft der Untergang prophezeit wie den Orden. Die Überalterung, der fehlende Nachwuchs, wirtschaftliche Schwierigkeiten, Aufhebung von Klöstern, Auflösung von Gemeinschaften… die Liste von «Bad News» für Ordensgemeinschaften ist lang.

Allerdings wirkt Priorin Irene Gassmann im Gespräch mit dem forum nicht wie eine frustrierte Nachlassverwalterin. Im Gegenteil: Ihr Hinweis auf das Kloster als Experimentierfeld atmet Pioniergeist. Wäre es tatsächlich denkbar, dass ausgerechnet die scheinbar am wenigsten zeitgemässe Einrichtung der katholischen Kirche zur Avantgarde ihrer Erneuerung werden könnte?

Keine Zukunft zu haben, kann auch Freiheit bedeuten. Ordensgemeinschaften haben nichts mehr zu verlieren. Ausser das Gottvertrauen, das gerade deshalb als Antriebskraft noch unverzichtbarer wird. Ordensfrauen und -männer müssen ihre Loyalität zur Kirche nicht beweisen, sie leben sie mit ihren Gelübden in hoher Verbindlichkeit. – Ordensfrauen und -männer müssen sich auch nicht den Vorwurf gefallen lassen, sie hätten vom Leben in einer Gemeinschaft keine Ahnung. Sie wissen nur zu gut, wo und wie es menschelt. – Ordensfrauen und -männer können in überschaubaren Grössenordnungen und einigermassen geschützt Erfolgs- und Irrwege ausprobieren.

Falls sich Ordensgemeinschaften von Zukunftsangst befreien, dann könnten sie wieder das sein, was sie in ihrer Entstehung bereits waren: Orte des Wagemuts. Orte der Erneuerung. Orte der Ausstrahlung.

Orden waren seit jeher der Nährboden für Reformen: Benedikt und Scholastika, Franziskus und Klara, Dominikus und Katharina, Ignatius und Teresa – sie alle haben diesen Aufbruch ins Ungewisse gewagt. Sie haben die Kirche immer wieder aus der Erstarrung gerettet.

Text: Thomas Binotto