Stolpersteine: Vergebung

Erleichterung verleiht Flügel

Vergebung erfahren zu können, ist ein Geschenk, das man sich nicht durch Leistung absichern kann.

Der Regisseur Tom Tykwer wurde bekannt durch seine Filme «Lola rennt» und «Das Parfum». Einer seiner weniger bekannten, aber sehenswerten Filme heisst «Heaven». Er spielt in Montepulciano in der Toskana. Filippo, ein junger Polizist, der in seiner Freizeit gerne am PC sitzt und Flüge mit einem virtuellen Helikopter unternimmt, fragt: «Wie hoch kann man fliegen?»

Seine Freundin Philippa ist junge Lehrerin und politische Aktivistin. Sie plant einen Anschlag auf einen Drogenhändler, um dessen kriminelle Machenschaften aufzudecken. Dabei verletzt sie zwei Unschuldige. Die hochmoralische Person, die das Böse bekämpfen will, wird zur Mörderin.

Nach Philippas Tat beschliessen die beiden zu fliehen. Zuvor gehen sie in Montepulciano in eine Kirche. «Wie hoch kann man fliegen?», fragt Filippo seine Freundin, die Schuld auf sich geladen hat, obwohl sie das Böse bekämpfen wollte. Philippa sagt: «Der Gedanke, dass ich selbst für mein Leben und meine Taten verantwortlich bin, überfordert mich. So kann ich unmöglich vor Gott treten.» Sie will bei Filippo beichten, doch der wehrt ab. Philippa lässt nicht locker: «Ich habe einen Menschen getötet, aber das Schlimmste ist: Ich habe aufgehört an einen Sinn zu glauben.» Filippo antwortet nur: «Ich liebe dich!»

Es ist beeindruckend, wie Tykwer das Thema Vergebung auf der Klaviatur religiöser Sprache umspielt. Denn so wie Philippa geht es heute vielen Katholiken, die – aus welchen Gründen auch immer – nicht (mehr) zur Beichte gehen wollen beziehungsweise können, um Vergebung zu erfahren. Sie bleiben lieber auf Distanz zur Institution Kirche.

Oft erlebe ich dabei Menschen, die Konflikte zwar zwischenmenschlich beilegen, aber das Gefühl einer grundsätzlichen Erlösungsbedürftigkeit zurückbehalten. Es ist befreiend, ihnen dann sagen zu können, dass die Vergebung durch Gott gratis und ohne Vorleistung geschenkt wird. Wir nennen das Liebe oder Gnade.

Auch im Film löst Tykwer die Situation religiös: Nach Filippos Liebesbeweis antwortet Philippa: «Durch dich glaube ich wieder an einen Sinn im Leben. Vielleicht gibt es Gott tatsächlich?» Im Angesicht des sie liebenden Menschen findet die Täterin zu Würde und Sinn zurück und erfährt Vergebung. Die Augen zum Himmel gerichtet fragt Filippo nur zurück: «Wie hoch kann man eigentlich fliegen?»

Text: Christian Cebulj, Professor für Religionspädagogik und Katechetik