Schlusstakt

Von der Weide ins Regal

Weshalb esse ich bereitwillig Schweinefleisch, würde aber Katzenfleisch standhaft ablehnen? Weshalb schaudert mich der Gedanke an Schlangen, Heuschrecken und Krokodile in der Pfanne, während ich an gleicher Stelle Rinder, Hühner und Lämmer appetitlich finde?

Die Antwort darauf: Aus purer Gewohnheit! – Genau so ist es! Erklärt aber nicht wirklich viel. Also versuche ich, meiner Selbsterfahrung mit weiteren Fragen auf den Leib zu rücken: Woran denke ich bei Katzenfleisch? Woran bei Schweinefleisch?

Bei Katzenfleisch sehe ich Faramir und Eowyn vor mir, die beiden Katzen meines Sohnes. Bei Schweinefleisch sehe ich das Kühlregal im Supermarkt hinten links. Dort, wo es abgepackt in drei ökologischen Gewichtsklassen ausgelegt wird.

Plötzlich wird mir bewusst, dass ich von jenem Fleisch, das ich täglich esse, eine sehr abstrakte Vorstellung habe. Eine Ware ist das für mich wie Gemüse, Brot und Käse.

Über dem Kühlregal steht auch «Fleischprodukte», als hätte es nie ein Rind, eine Kuh, ein Huhn, ein Schwein, ein Lamm gegeben.

Je weniger ich mir also darüber Gedanken mache, wie das Fleischstück in meine Pfanne kommt, desto leichter fällt mir offenbar der Genuss.

Friedrich Wolf bringt es in seiner Erzählung «Die Weihnachtsgans Auguste» bereits im Titel auf den Punkt: Eine Familie kauft sich eine Gans für den Weihnachtsbraten. Aber nachdem die Kinder der Gans einen Namen gegeben haben, ist klar: Gegessen wird Auguste nicht. Mit der Namensgebung ist aus dem Fleischprodukt ein Familienmitglied geworden.

Ich kann verstehen, wenn Bauern und Metzger mich nun als Städter mit Hang zum Biokitsch belächeln. Und ich erwarte auch nicht, dass wir ab sofort jedem Fleischstück eine eigene Biografie geben. Selbst mit meiner Bekehrung zum Vegetarier ist es wohl noch weit hin.

Gerade für Städter wie mich ist es jedoch heilsam, dass sie sich dessen bewusst werden, was sie als Selbstverständlichkeit oft übersehen: dass ihr Fleisch – und im übrigen auch alle anderen Produkte – eben nicht aus dem Supermarkt kommen. Zuletzt hat alles seine eigene, konkrete und unverwechselbare Geschichte.

Wenn ich mich also hin und wieder beim gedankenlos-leichtfertigen Konsum ertappe, dann ist das eine Erschütterung, die meiner Wertschätzung für die Schöpfung nur gut tut. Und nicht zuletzt ist es eine passende Übung für die Fastenzeit.

Text: Thomas Binotto