Stolpersteine: Fegefeuer

Angebot statt Gericht

Vermutlich kursieren heute mehr Witze über das Fegefeuer als ernsthafte Auseinandersetzungen damit. Dazu hat die römisch-katholische Kirche ja genug beigetragen, wenn sie in – Gott sei Dank – vergangenen Zeiten exakt zu wissen vorgab, wie heiss es dort sei, wie lange man für welche Sünde dort verweilen müsse und so weiter.

Dass nicht nur reformierte Mitchristen und -christinnen mit diesem Thema «tabula rasa» machten, sondern auch die meisten Katholikinnen und Katholiken, das überrascht mich nicht. Aber ich finde es schade, dass man gar nicht mehr nach einem tieferen Sinn fragt. Denn Fegefeuer meint ja in erster Linie einen Läuterungsprozess, einen Weg also.

Die endgültige Begegnung mit Gott stelle ich mir irgendwie so vor: Der Mensch tritt in seinem Tod Gott gegenüber. Er begegnet dabei der tiefen Wahrheit über sich selbst und der grenzenlosen Liebe, wie er hätte sein können. Und im Spiegel dessen wird er sich bewusst, wo er – neben all dem Lieben, Schönen und Glück, das er erlebt und vollbracht hat – auch Gutes unterlassen und Böses getan hat. Was er da erlebt, ist so etwas wie ein Läuterungs-, ein Reinigungsprozess, bei dem es aber kein Zurück mehr gibt. Jetzt ist die allerletzte Entscheidung gefordert: Reue und Umkehr oder … tatsächlich ewige Verdammnis?

Ich bin überzeugt, dass in diesem – weder zeitlich noch räumlich definierbaren – Moment jeder Mensch so von der Liebe des dreieinen Gottes ergriffen ist, dass er seine Fehler eingesteht. Und ich glaube auch daran, dass Christus als Weltenrichter nicht nur die Perfekten in seine Arme nimmt, sondern – vielleicht noch mehr? – gerade auch diejenigen, die bereuen und umkehren – und sei es auch fünf nach zwölf, wie beim «Nachbarn» am Kreuz auf Golgatha.

Das ernst gemeinte Schuldbekenntnis, sei es im Gottesdienst oder einem Mitmenschen gegenüber, kann so schon ein recht reales Fegefeuer, eine Bekehrung sein: Es läutert mich, reinigt meine Beziehung zu Gott und zu anderen und befreit mich, ein noch besserer Mensch zu werden… – wobei der «beste Mensch» in den Augen Gottes nicht der fehlerlose ist, sondern der, der zu seinen Schwächen und zu seinem Versagen steht und um Verzeihung bitten kann.

Text: Rudolf Vögele, Leiter Ressort Pastoral im Generalvikariat Zürich-Glarus