Editorial

Mein kindliches Gemüt

Ich habe häufig unkritische Anwandlungen. Häufiger als es sich für einen kritischen
Journalisten wohl gehört.

Die Karwoche und das Osterfest sind ein solcher Anlass, bei dem mir ganz unkritisch wird. Seit meiner Kindheit liebe ich es, wie die katholische Kirche diese Tage begeht, durchlebt, feiert. In diesen Tagen könnte ich niemals zum Protestanten werden.

Als Ministrant habe ich während meiner Jugendzeit die Karwoche und Ostern ganz besonders intensiv erleben und auch mitgestalten dürfen. Unser Pfarrer Willi Hofstetter hat mich bis heute liturgisch geprägt wie sonst niemand. Priester wie er haben mich meinen Glauben nie ganz verlieren lassen, dass Priester tatsächlich Diener sein können und keine Oneman-Show.

Die sorgfältig gestalteten Feiern in meiner Heimatpfarrei Hitzkirch verkamen niemals zum Liturgiepomp. Sie bewahrten die Balance zwischen Alltäglichkeit und Festlichkeit, zwischen Tradition und Erneuerung, zwischen Routine und Spontaneität. Sie standen mitten im Leben und waren doch herausragende Erlebnisse.

Gerade die Karwoche erhielt dadurch einen unerhörten Reichtum, eine Vielfalt der Gestaltungsformen und -möglichkeiten, die bis heute ganz tief in mir verankert ist. Und deshalb freue ich mich jedes Jahr ganz ohne kritische Hintergedanken auf Ostern. Auch weil dann ein Schatz meiner Kindheit, die Erinnerung an Karwoche und Ostern in Hitzkirch, immer wieder neu zu leuchten beginnt.

Text: Thomas Binotto