Schlusstakt: Gedanken zur Osterzeit

Nichts

Nur selten wird die Abwesenheit zum Zentrum unserer Aufmerksamkeit. Anders ist das allerdings in Jerusalem.

Wie ein Magnet zieht in Jerusalem ein heiliges Nichts die Menschen an, Tag und Nacht, Tag für Tag, Ostern für Ostern, seit beinahe zweitausend Jahren. Mit ihren fünf Sinnen wollen sie fassen, was nicht für die Sinne erfassbar ist: die Auferstehung Jesu. Den Sieg Gottes über das Leid und den Tod, an jener Stätte, an der das Unfassbare den Grundstein für ihren Glauben gelegt hat.

Eine Stadt.
Eine Kirche.
In ihr eine Kapelle.
Ein Grab.
Es ist leer.

Aus aller Welt strömen sie zum Nabel der christlichen Welt. Jenem Ort, an dem es nicht nur an Ostern heisst: «Er ist nicht hier. Seht, da ist die Stelle, wo man ihn hingelegt hatte.»
Nichts. Leere, unerwartet und unvertraut. Nicht österlicher Jubel und die Fülle der Freude stehen am Ursprung der Entdeckung der Frauen am Grab. Erschütterung, Angst und Ohnmacht machen den Anfang. Nichts, scheint es im ersten Moment, kann die beängstigende Leere füllen.

Menschenmengen füllen in der Osternacht den Raum um das Nichts. Rasch gewinnt das Licht ihrer Kerzen Oberhand über die Dunkelheit. Rauch, Russ und Wärme steigen nach oben, kaum noch wahrnehmbar ist dann das Kreuz auf dem kleinen Türmchen der Kapelle über dem Grab. Wäre da nicht der Lichtstrahl, der vom Himmelsfenster sich seinen Weg bahnt. Der Blick ist vernebelt, wie jener der ersten Zeugen des Nichts, damals, vor ungefähr zweitausend Jahren.

Das Grab ist leer, und die Verwirrung ist gross.

Mit dem verhallenden Klang der Glocken über der Stadt lichtet sich langsam der Nebel. Menschen strömen hinaus in die Strassen Jerusalems. Mit ihren Kerzen tragen sie das Licht dieser Nacht in die Städte der Welt. Aus der Verzweiflung der Frauen am leeren Grab und der Verwirrung der Jünger auf dem Weg nach Emmaus wird Freude und Glaubensgewissheit.
Zurück bleibt das Grab in der Kapelle, in der Kirche dieser Stadt. Und der Gedanke an das Johannesevangelium: «Selig, die nicht sehen und doch glauben!»

Denn das Grab…
…es ist leer.


Text: Andrea Krogmann, freie Journalistin