Vorsynode der Jungen

Andere Realitäten wahrnehmen

Vom 19. bis 23. März haben in Rom 300 junge Erwachsene auf Einladung des Vatikans über ihre Fragen und Forderungen zu Glaube und Kirche diskutiert. Darunter auch eine Frau und zwei Männer aus der Schweiz.

Drei ganz unterschiedliche junge Menschen aus der Schweiz laufen gemeinsam über den Petersplatz in Rom. Ihnen folgen ein Kamerateam, ein Fotograf und eine Journalistin. Alle wollen von ihnen dasselbe wissen: Was läuft hinter den Türen des Collegio Maria Mater Ecclesiae – dort, wo über 300 junge Erwachsene aus aller Welt über die Kirche diskutieren?
Die Woche ist durchgeplant, der Tag durchgetaktet. In der Halbzeit haben sie zum ersten Mal einen freien Nachmittag. «Endlich», sagen alle drei. Denn es sei anstrengend, den ganzen Tag zu philosophieren. Sandro Bucher ist einer dieser drei jungen Menschen aus der Schweiz. Er vertritt als Atheist kirchenferne Jugendliche.
Ganz einfach war der Einstieg für ihn in die Vorsynode nicht: «Als ich hier ankam, dachte ich, ich sei im falschen Film. Umgeben von so vielen jungen Gläubigen, Priestern und sonstigen Kirchenleuten, war ich etwas überfordert – gelinde gesagt.»
Das Blatt habe sich jedoch zum Glück gewendet, und zwar zum Positiven. Es sei nicht nur sehr aufregend, so viele Menschen aus verschiedenen Ländern, mit unterschiedlichen Kulturen und Ansichten zu treffen und mit ihnen über Gott und die Welt zu diskutieren, meint Bucher. «Ich habe echt tolle Freundschaften geschlossen.»

Intensiv haben die jungen Leute aus aller Welt am Dokument gearbeitet, das Grundlage für die Bischofssynode ist.

Intensiv haben die jungen Leute aus aller Welt am Dokument gearbeitet, das Grundlage für die Bischofssynode ist. Foto: Bernard Hallet / cath.ch

Schweizer Teilnehmer Jonas Feldmann im Interview.

Schweizer Teilnehmer Jonas Feldmann im Interview. Foto: Bernard Hallet / cath.ch

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Als Atheist im Vatikan
Mit der Theologiestudentin Medea Sarbach, dem Medizinstudenten Jonas Feldmann, der zwar katholisch, aber der Kirche fern ist und immer wieder mit dem Gedanken zum Austritt «hadere», und dem Atheisten Sandro Bucher ist ein breites Spektrum an Meinungen aus der Schweiz in Rom vertreten.
Während Sarbach offiziell von der Schweizerischen Bischofskonferenz SBK als Vertreterin der katholischen Schweizer Jugend in Rom ist, sind Bucher und Feldmann direkt vom Vatikan eingeladene Repräsentanten der distanzierten oder nichtgläubigen Jugend.
Diskussionen über Themen wie Homosexualität seien sehr nervenaufreibend gewesen. «Am Abend war ich nicht bloss vom Philosophieren und Diskutieren völlig geschafft», so Jonas, «sondern auch, weil die Ansichten der restlichen Gruppe für mich völlig unverständlich und konservativ waren.»
Für ihn sei Homosexualität völlig okay, er könne sich gar nicht vorstellen, wie man etwas dagegen haben könne. «So viele konservative Junge habe ich noch nie erlebt. Ich wusste gar nicht, dass es die gibt», scherzt Jonas. Diese Überraschung sei jedoch nicht einseitig gewesen. «Nicht wenige haben mir gesagt, ich sei der erste Atheist, mit dem sie je gesprochen hätten. Das war schon crazy.»

Zwei Tage später, die Vorsynode ist beendet, das Abschlussdokument verabschiedet: Eine Gruppe Jugendliche steht vor dem Tor des Collegio Maria Mater Ecclesiae. Unter ihnen Medea Sarbach, die Delegierte der SBK.
Die Gruppe strahlt eine Vertrautheit aus, die auf eine langjährige Freundschaft hinweisen könnte. Kennen tun sich die jungen Menschen aber nicht einmal eine Woche.
«Intensiv war es. Sehr. Aber wunderbar», betont die Theologiestudentin mehrmals. Wunderbar sei die «Einheit» gewesen, die sie spürte. «Je unterschiedlicher wir waren, umso mehr kam zum Vorschein, wie ähnlich wir uns sind.»
Intensiv war es aber nicht nur wegen des vollen Programms, sondern auch, weil so viele verschiedene Kulturen aufeinandergeprallt seien. Die Einheit, die trotz dieser Unterschiede spürbar wurde und die Atmosphäre und das Beisammensein erfüllte, zeigte sich – neben den persönlichen «tollen und bereichernden Begegnungen» – während der ihnen gestellten Aufgabe umso mehr. 
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Vorsynode mussten nämlich ein Dokument verfassen, das eigentlich etwas Unmögliches zum Ziel hatte: Allen Jugendlichen eine Stimme zu geben und ihre Situationen, ihre Kritik und ihre Vorschläge an die Bischöfe für die kommende Synode im Herbst zu erläutern.

«Ich kann voll und ganz dahinterstehen»
Das Unmögliche wurde offenbar doch möglich: Alle jungen Leute konnten das Dokument, das sich Tag für Tag veränderte, anpasste und vereinheitlichte, lesen und auch kommentieren. «Wir durften vor alle hinstehen und offen sagen, wenn wir mit gewissen Aussagen darin voll nicht einverstanden waren», sagt Medea Sarbach. Zensur sei ein Fremdwort gewesen. Während der ganzen Woche, egal, ob in der Gruppe oder im Plenum oder bei Rotwein und Pasta am Abend.
Nicht nur sie sei mit allen Punkten zufrieden, betont sie. «Ich kann es immer noch kaum glauben, aber es stimmt», so Sarbach, irgendwie stolz auf die Jungen und sich selbst. «Ich kann voll und ganz hinter diesem Dokument stehen.»

Offen und fair debatiert
Diese Sicht teilt auch der kirchenkritische Jonas Feldmann: «Wir haben um die Wette kritisiert, debattiert und manchmal sogar etwas gestritten (lacht). Trotzdem waren alle immer sehr offen, tolerant und fair zueinander. Die Art und Weise, wie wir debattiert haben, der gegenseitige Respekt, das Zuhören – das hat mich beeindruckt.»
Streiten musste Feldmann beispielsweise beim Thema Homosexualität: «Manchmal gab es Ansichten, da dachte ich bloss: ‹Okay, du hast wohl die letzten hundert Jahre verpasst.› Aber das denke ich auch sonst, wenn mir konservative Menschen begegnen. Hier war das irgendwie okay. Ich musste mir eingestehen, dass die Realität, die ich in der Schweiz erlebe, nicht dieselbe ist, die Junge anderswo in der Welt erleben.»

Das intensive Gemeinschaftserlebnis hat für Feldmann wesentlich zur Bereitschaft, andere Realitäten wahrzunehmen, beigetragen: «Nach einer Woche von morgens bis abends zusammensitzen, gemeinsam essen und sogar noch einen Zimmergenossen haben: Das macht uns toleranter und verständnisvoller. Ich begann zu verstehen, warum jede und jeder genauso tickt, wie sie oder er eben tickt. Wir hatten auch Junge aus Afrika in der Gruppe. Sie schlagen sich mit anderen Problemen rum als wir: Sie haben keine Arbeit, keine Perspektive, keine Möglichkeiten. Wir haben zu viel Arbeit, zu viel Perspektive, viel zu viele Möglichkeiten.»
Und so konnte am Ende auch der Kirchenkritiker das Schlussdokument mittragen: «Da muss man zuerst einmal versuchen, sich reinzufühlen – was natürlich unmöglich ist. Aber: Versucht man es – und das konnten wir diese Woche – schafft man es auch, ein solches Dokument zu schreiben. Und tatsächlich: Es passt allen, die ich bis jetzt gehört habe.» 

Text: Francesca Trento, kath.ch/bit

Angebot laufend

Das katholische Medienzentrum hat ein Dossier zur Vorsynode erstellt. Darin finden sich weitere Interviewbeiträge – in Text und Bild – mit den Delegierten aus der Schweiz.

www.kath.ch/jugendsynode-2018