Schlusstakt

Digital Naives

Mich erschüttert nicht der jüngste Facebook-Skandal, sondern die Naivität der Empörten.

Facebook ist ein milliardenschwerer Konzern mit einem ganz klaren Geschäftsmodell: Er macht aus Daten seiner Mitglieder Geld, indem er diese Daten seinen Werbekunden anbietet. Wie leichtgläubig muss jemand sein, der glaubt, Facebook liege ausgerechnet die Privatsphäre jener Menschen am Herzen, die eben ihre Bauchnabelschau gepostet haben!

Wer sich mit seinem Facebook-Account als Kunde versteht, sitzt dem grundlegenden Missverständnis auf, dass man ohne zu zahlen Kunde sein kann. Facebook-Mitglieder sind der Rohstoff, den Facebook ausbeutet und verkauft. Sie sind das Proletariat der digitalen Revolution.

Was Cambridge Analytica getan hat, entspricht also genau dem System und dem Zweck von Facebook. Dass ausgerechnet jetzt das Entsetzen gross ist, hat – wieder einmal – mit Donald Trump zu tun. Als Barack Obama seinen Wahlkampf ebenfalls mit der gezielten Nutzung von Social Media geführt hat, gab es keinen vergleichbaren Aufschrei. Damals überwog die Bewunderung dafür, dass hier einer die neuen Medien endlich begriffen und instrumentalisiert hatte.

Bezeichnenderweise nimmt jedes Lager das gleiche Argument in Anspruch, das eines der gefährlichsten überhaupt ist: Wir haben es für den guten Zweck getan. Der gute Zweck ist aber faktisch komplett relativ: Guten Zwecken dient, was meinen Zwecken dient, denn meine Zwecke, das sind die guten Zwecke. Man muss deshalb befürchten, dass auch nach dem jüngsten Skandal viel zu wenig über das System nachgedacht und debattiert wird. Selbst die Philosophen und Theologen werden sich weiterhin mehr um das Anhäufen von Likes und Followern kümmern als um die gedankliche Durchdringung des Systems.

Und zu diesem System gehört nicht bloss Facebook, selbst Social Media ist noch zu klein gedacht: Es geht um das System Internet insgesamt. Es geht beispielsweise um den Kontrollverlust, den wir durch Digitalisierung in Kauf nehmen. Denn alles, was ich digital erfasse, ist während seiner Erfassung mit grösster Wahrscheinlichkeit bereits gesichert, kopiert und verbreitet.

Das digitale Zeitalter stellt deshalb höchste Ansprüche an meine Selbstkontrolle und Selbstverantwortung. Ich müsste also, gerade weil das System so schnell ausserhalb meiner Kontrolle agiert, noch langsamer denken. Ich muss anfangen, selbst meine privatesten Daten als potenziell öffentliche Daten zu verstehen. – Was habe ich zu befürchten? – Wie kann man mich missbrauchen? – Wofür muss ich mich schämen?

Text: Thomas Binotto