Editorial

Loslassen

Ob in der Politik, im Fussballclub oder der eigenen Familie: auch wer eigentlich nichts mehr zu bestimmen hat, regiert gerne weiter.

Der 79-jährige Erich Vogel sitzt nominell in keinem Führungsgremium von GC, trotzdem zieht er offenbar nach wie vor einflussreich an den Fäden im Hintergrund. Der 77-jährige Christoph Blocher ist seit dem 24. März nicht mehr im SVP-Parteileitungsausschuss, dafür seine Tochter. Und er selbst will sich mit geballter Kraft gegen das geplante EU-Rahmenabkommen engagieren und damit den Parteikurs weiterhin prägen.

An Universitäten zeigt sich ein neuer Trend: Am Erstsemestrigen-Tag informieren sich Eltern über den Studiengang ihres Sohnes oder ihrer Tochter. Verschiedene Universitäten bieten bereits Elternabende an, weil das «Projekt Kind» offenbar auch mit dessen Volljährigkeit nicht aufhört. 

Kinder loslassen bedeutet, ihnen zu vertrauen. Schon das Baby, das anfängt, aufzusitzen oder zu gehen: Wir halten es nicht die ganze Zeit an der Hand. Zu Beginn bleiben wir in seiner Nähe, bereit, es aufzufangen. Später lassen wir es alleine gehen. Es wird ein paarmal umfallen, aber nur das gibt ihm die Sicherheit, dass auch Umfallen keine Katastrophe ist.

Das Leben wird klein, wenn wir es bis ins Letzte selber bestimmen wollen. Kinder können ihr Wesen nicht entfalten, wenn sie bloss Teil eines Eltern-Projektes sind. Neue Führungskräfte leiten anders, aber vielleicht auch angemessener, entsprechend den neuen gesellschaftlichen oder beruflichen Gegebenheiten. Und wer die Aufgabe abgibt, wird frei für Neues. 

Mir war schon bei der Geburt unserer Kinder klar: ich werde sie nicht vor allem beschützen können, auch wenn das mein ganzes mütterliches Wesen möchte. Deshalb war ich so dankbar, dass ich sie bereits bei der Taufe auch in Gottes Hände legen durfte.

Text: Beatrix Ledergerber-Baumer