Stolperstein: Jungfräulichkeit

Radikal feministisch

Ich will nicht die Jungfräulichkeit Marias erklären oder verteidigen. Mir bereitet sie keine Glaubenszweifel. Ich würde es Gott genauso zutrauen, dass er Jesus auf «natürliche» Weise ohne Jungfrauengeburt in die Welt schickte.

Viel spannender finde ich die emanzipatorische Sprengkraft, die in der Jungfräulichkeit als Lebensentwurf steckt. Seit Urzeiten wurden Frauen auf die Rolle der Mutter festgelegt: Kinder gebären und damit das Überleben der Menschheit sichern. Eine Frau, die sich bewusst dafür entscheidet, Jungfrau zu bleiben, verweigert sich dem traditionellen Rollenschema und auch der patriarchalen Macht. Sie emanzipiert sich auf besonders radikale Weise.

Doch dies wird trotz der Propagierung sexueller Diversität selbst in unserer hoch individualisierten Zeit nicht gewürdigt. Während man Homosexualität zu Recht nicht mehr als Krankheit behandelt, wird hinter bewusst gewählter Jungfräulichkeit genau wie hinter dem Zölibat ein psychisches Defizit vermutet. Es wird gar behauptet, wer sexuell enthaltsam lebe, könne gar nicht psychisch gesund sein. Jungfräulichkeit wird damit stigmatisiert. Mehr noch als Homosexualität scheint Jungfräulichkeit unsere Gesellschaft in ihrem sexuellen Selbstverständnis herauszufordern.

Nonnen sind so gesehen Ausbrecherinnen aus einem patriarchalen System und Frauenklöster Bastionen der Rebellion. Selbst die katholische Kirche fühlt sich von Jungfräulichkeit bedroht. Als die Beginen im Mittelalter in Gruppen ohne Klausur ihren Lebensentwurf realisieren wollten, wurden sie vom kirchlichen Patriarchat attackiert und in eine Klosterordnung zurückgedrängt, in der letztlich immer ein Mann an der Spitze stehen musste. Die Weigerung, Frauen zu Priesterinnen zu weihen, ist deshalb auch eine Einschränkung des jungfräulichen Lebensentwurfs.

Dass Maria als Jungfrau ein Kind geboren hat, erscheint auf den ersten Blick wieder als Festlegung der Frau auf die Mutterrolle, eine Rückkehr ins patriarchale System. Und die Jungfrauengeburt wurde über Jahrhunderte genau so interpretiert. Sie kann aber auch als Zeichen für eine noch radikalere Abkehr vom Patriarchat gedeutet werden. Hier braucht eine Frau nicht einmal mehr einen Mann, um ein Kind gebären zu können. Gott nimmt damit dem Mann die letzte Aufgabe, für die er sich als wirklich unverzichtbar hielt. Die Jungfräulichkeit Marias ist damit ein an Radikalität kaum mehr zu überbietendes feministisches Fanal. So radikal, dass wir – und nicht nur wir Männer – es bis heute nicht recht glauben mögen.

Text: Thomas Binotto