Stolpersteine: Mystik

Worte für das Unsagbare

«‹Herr der Ringe› ist so mystisch!» Als ein Jungwachtleiter seine Begeisterung mit diesen Worten ausdrückte, musste ich mir auf die Zunge beissen.

«Das hat mit Mystik nichts zu tun; meinst du vielleicht ‹mythisch›?», hätte ich fast gesagt. Allein es war nicht der Zeitpunkt für eine spiritualitätsbegriffliche Aufklärung – und überhaupt: Wie hätte ich «mystisch» erklärt?!

Die meiner Meinung nach völlig falsche Anwendung des Begriffs irritierte mich allerdings. Mittlerweile muss ich zugeben, dass der Begriff «mystisch» im Zusammenhang mit «Herr der Ringe» vielleicht doch nicht ganz so abwegig ist. Frodo und seine Gefährten machen schaurig-schöne Erfahrungen mit dem Geheimnisvollen, Mächtigen, Unverfügbaren, Schrecklichen.

Diese Erfahrungen bezeichnet die religionswissenschaftliche Tradition als Begegnungen mit dem fascinosum et tremendum, mit dem, was uns gleichzeitig fasziniert und erzittern lässt – mit dem Göttlichen. Und so wird Mystik unter anderem definiert: als unmittelbares Erleben des Göttlichen.
Dieses muss zunächst noch nicht über eine bestimmte Religion definiert sein. Denn die Erfahrung mit dem Göttlichen ist in jeder Religion bezeugt. Wie das Göttliche aber erfahren wird, ist massgeblich von der Religion geprägt, in deren Kontext die Erfahrung gemacht wird. Mystik an sich gibt es nicht.

Wir leben nicht in Mittelerde, sondern stehen auf jüdisch-christlichem Boden. Deshalb werden wir unmittelbares Erleben Gottes, so es uns dann widerfährt, entsprechend deuten. Besonders gut gefällt mir die Interpretation der Hl. Teresa von Avila (1515–1582).
Die spanische Karmelitin und Kirchenlehrerin beschreibt auf ihrem mystischen Weg drei Etappen. Seinen Anfang nimmt dieser in der Anerkennung der eigenen existenziellen Wahrheit: Der Mensch ist von Gott geschaffen und lebt nicht kraft eigener Leistung, sondern aus Gottes Liebe. Seine Würde besteht darin, dass er zur Freundschaft mit Gott berufen ist.

Der zweite Abschnitt beinhaltet die Verwandlung oder Christusförmigkeit: Was der Mensch dazu beitragen kann, ist nach Teresa die Pflege des inneren Betens. Dabei besteht das Wesentliche darin, mich Gott liebevoll zuzuwenden und den anzuschauen, der mich anschaut.
Diese Stufe mündet in die dritte Etappe, in die Nachfolge Christi: Als neuer Mensch werde ich zur Mitarbeiterin an der Verwandlung in die Christusförmigkeit von Kirche und Welt.

Text: Alexandra Dosch, Diözesane Fortbildungsbeauftragte