Schlusstakt: Wortbilder

Zuneigung

Wer sich zu nahe steht, der wird sich nicht mehr zuneigen können, denn Zuneigung braucht Abstand, sonst stösst man sich den Kopf.

Für frisch Verliebte ist diese Vorstellung eine Zumutung. Sie träumen davon, vollkommen zueinander und ineinander zu passen. Dafür verwenden sie Redensarten wie «Ein Herz und eine Seele» oder Bilder wie «Yin und Yang».

Wer von ihnen Abstand verlangt, klingt nach einem Menschen, der zu lange Lebensfrust verdauen musste, oder gar nie richtig geliebt hat. Das mag sein, tatsächlich sieht man aber auch in der Liebe mit nüchternem Blick klarer als im Vollrausch.

Wir brauchen uns Zuneigung bloss bildlich vorstellen und dabei werden wir entdecken, dass sie auch als Verbeugung gesehen werden kann, ein uraltes Symbol für Achtung und Wertschätzung. Wer sich einem Menschen zuneigt, der gibt ihm also zu verstehen, dass er ihn achtet und schätzt. Diese so gar nicht sensationelle, scheinbar demütige Haltung gehört zur Liebe. Sie schützt das Gegenüber davor, überrollt zu werden.

Damit wir Raum zur Verbeugung haben, gewähren wir uns Abstand und deuten damit an, dass wir den geliebten Menschen in seiner Eigenständigkeit respektieren, dass wir ihn als Individuum zulassen, dass wir seine Aura, seine Sphäre und sein Geheimnis bewahren wollen. Dass wir ihn als Ganzes sehen.

Wer sich jedoch zu nahe steht, der verliert nicht bloss das Individuum aus den Augen – weil er vor lauter Nähe den Menschen nicht mehr sieht –, er nimmt auch sich selbst wichtige Bewegungsfreiheit. Ohne Abstand kann man sich allenfalls noch im Gleichschritt bewegen. Oder man endet in einer Umklammerung.

Wo Platz für Zuneigung bleibt, da kommt Bewegung in die Beziehung. Wenn ich mich einem Menschen zuneige, komme ich ihm näher. Darin steckt eine dynamische Liebe, die sich nicht selbstgefällig zurücklehnt. Und die auch nicht wie ein Eroberer proklamiert: «Wir sind uns nahe!» Liebende sind nicht Eroberer, sondern Entdecker, die sich durch Zuneigung immer wieder von neuem näher kommen.

Denn zu weit vom Ziel der Zuneigung entfernt stehen, das wollen wir natürlich auch nicht. Zuneigung bleibt deshalb stets ein Balanceakt. Sie sucht den kleinstnötigen Abstand bei grösstmöglicher Intimität.

Wenn wir zu weit auseinander stehen, sind die Zeichen der Zuneigung entweder gar nicht mehr sichtbar, oder sie lassen sich nicht mehr eindeutig zuordnen, weil sich zu viele Menschen den Raum teilen. Es ist dann, wie wenn man seinen Blick in eine grosse Menge werfen und damit das Rätselraten auslösen würde, wem dieser Blick wohl gilt.

Text: Thomas Binotto

Angebot laufend

neigen

mittelhochdeutsch neigen, althochdeutsch hneigan = sich neigen,
sich beugen; verwandt mit  nicken