Vorsorge

Komplizierte letzte Dinge

Ob durch Demenz oder Unfall: Jeder kann zum Betreuungsfall werden. Wer nicht möchte, dass dann die Behörden einschreiten, sollte rechtzeitig vorsorgen.

Lange war die Frage einfach nicht dringlich genug. «Solange du jung und gesund bist, machst du dir über alles andere Gedanken, aber nicht darüber, was bei Krankheit, Unfall oder Tod passiert», sagt Bruno Widmer*. Erst mit Anfang 50 wurde die Vorsorge ein Thema. Widmers Lebenspartnerin Rita Flurbacher* sagt: «Als wir uns ans Testament machten, merkten wir, dass wir nicht nur für den Tod, sondern auch für andere Fälle vorsorgen mussten.»
Man wünscht es niemandem, aber es kann passieren: Durch Krankheit oder Unfall wird man zum Betreuungsfall. Wenn jemand nicht mehr für sich selbst entscheiden kann – häufig sind etwa Demenzerkrankungen im Alter – spricht man von Urteilsunfähigkeit. Kommt es so weit, stellt sich die Frage, wer für die urteilsunfähige Person entscheidet. Ehepartner vertreten sich in den meisten Vermögens- und Rechtsangelegenheiten automatisch gegenseitig. Nur für aussergewöhnliche Vermögensgeschäfte – etwa einen Hausverkauf – müssen sie zusätzlich vorsorgen.

Für Paare wie Widmer und Flurbacher, die im Konkubinat leben, gilt das nicht. Wird einer von ihnen urteilsunfähig, würde von Gesetzes wegen die Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) übernehmen. Dem kann das Paar vorbeugen, indem es eine Patientenverfügung (für medizinische Fragen) sowie einen Vorsorgeauftrag (für Vermögens- und Rechtsfragen) verfasst. Auch für Ehepaare macht ein Vorsorgeauftrag Sinn, vor allem wenn sie keine Patientenverfügungen schreiben wollen. So stellen sie sicher, dass in medizinischen Fragen bei Urteilsunfähigkeit der Ehepartner entscheidet und nicht die Kesb.
Widmer und Flurbacher liessen sich zum Unkostenbeitrag von 28 Franken ein Vorsorgedossier der Caritas nach Hause schicken, das neben den nötigen Vorlagen zusätzliche Informationen zu auftretenden Fragen sowie eine Checkliste mit dem Titel «Letzte Dinge regeln» beinhaltet. «Anfangs dachten wir, das geht ganz schnell, wir geben uns gegenseitig ein paar Vollmachten, und das war’s», sagt Widmer. «Aber wir merkten, dass das Ganze sehr viel zeitaufwendiger ist. Man muss viele Dinge bedenken, die weitreichende Konsequenzen haben.»
Viele Fragen tauchten auf, und das Dossier blieb einige Zeit auf dem Küchentisch liegen – wieder einmal waren für das berufstätige Paar, das mitten im Leben steht, andere Dinge dringender.
Dann nahmen Widmer und Flurbacher einen neuen Anlauf, schrieben ihre offenen Fragen auf und wandten sich an Regula Hagmann von der Caritas Zürich. Hagmann ist Leiterin der Fachstelle Begleitung in der letzten Lebensphase und für das Vorsorgedossier zuständig. Normalerweise beantwortet sie Fragen per Telefon. Heute macht sie eine Ausnahme und trifft sich mit Widmer und Flurbacher zum persönlichen Gespräch.

Die Patientenverfügung regelt, wie man medizinisch behandelt werden möchte, wenn man im Ernstfall nicht mehr ansprechbar ist. Widmer und Flurbacher möchten von Hagmann wissen, wie verbindlich eine solche Verfügung ist. «Sie ist im Recht verankert, also sehr verbindlich», antwortet die Caritas-Expertin. Allerdings gehe oft vergessen, dass im ärztlichen Alltag viele Situationen nicht eindeutig und vorhersehbar seien. Hagmann macht ein Beispiel: «Wenn jemand keine lebensverlängernden Massnahmen wünscht, dann meint er meistens, nicht monatelang an Maschinen zu hängen.» Was aber ist, wenn während einer Operation plötzlich lebensbedrohliche Komplikationen auftreten? Soll man den Patienten dann wirklich nicht wiederbeleben nur wegen eines möglicherweise anders gemeinten Satzes in der Patientenverfügung? «Um zu verdeutlichen, wie die Verfügung gemeint ist, ist es zentral, zu Lebzeiten mit allen Angehörigen über das Thema zu sprechen», so Hagmann.

Neben medizinischen Fragen gibt es noch eine Reihe anderer Aufgaben, die jemand übernehmen muss, wenn man selber nicht mehr urteilsfähig ist. «Die Angehörigen sind dankbar, wenn man solche Dinge vorsorglich klärt», weiss Hagmann auch aus eigener Erfahrung. Während die Patientenverfügung den meisten geläufig ist, wissen nur die wenigsten, dass es dafür auch eine Möglichkeit zur Vorsorge gibt: den Vorsorgeauftrag.
Widmer und Flurbacher macht insbesondere die Regelung der finanziellen Angelegenheiten zu schaffen, denn das Thema stellt sich als komplexer heraus als erwartet. «Braucht es den Vorsorgeauftrag, wenn wir uns gegenseitig Vollmachten geben?» Die Praxis bei Banken sei unterschiedlich, sagt Hagmann. In der Regel genüge aber eine Vollmacht nicht, wenn der Kontoinhaber urteilsunfähig wird. Und dies obwohl auf den Formularen der Banken oft explizit vermerkt ist, dass die Vollmacht mit der Urteilsunfähigkeit nicht erlischt. Der Grund für die Vorsicht der Banken sei, dass diese schadenersatzpflichtig werden, falls sie ihre Sorgfaltspflicht nicht wahrnehmen.
Ein weiterer Nachteil bei Vollmachten: Sie können nicht eingeschränkt werden. Stellen Widmer und Flurbacher heute eine Vollmacht an eine Drittperson aus, dann könnte diese ab sofort auf das Vermögen der beiden zugreifen – und nicht erst bei Urteilsunfähigkeit des Paares. Um keine unliebsamen Überraschungen zu erleben, braucht es also den Vorsorgeauftrag. «Tragen Sie dort nicht nur sich gegenseitig, sondern zusätzlich eine weitere Person ein», empfiehlt Hagmann dem Paar – für den schlimmsten Fall, in dem beiden gemeinsam etwas zustösst.

Mit dem Vorsorgeauftrag lassen sich nicht nur finanzielle, sondern auch viele weitere persönliche Dinge regeln. So etwa, wer im Namen des urteilsunfähig gewordenen Menschen Verträge unterzeichnen oder künden kann. «Wer kümmert sich um all die digitalen Accounts, wer löscht Facebook, wer kündet das Lastschriftverfahren für mein Zeitschriften-Abo?», fragt Widmer. Hagmann betont, dass dies im Vorsorgeauftrag sehr detailliert festgehalten werden kann. «Je konkreter, desto besser.»
Dabei können die Aufgaben durchaus auf verschiedene Personen verteilt werden. Auch Anwälte oder Treuhänder können mit solchen Arbeiten betraut werden. Zwingend ist, dass die Entschädigungen für die eingesetzten Personen im Vorsorgeauftrag festgelegt sind, ansonsten muss die Kesb klären. Und: «Vergessen Sie nicht, die eingetragenen Personen vorgängig zu fragen, ob sie bereit sind, diese Dinge zu erledigen», so Hagmann.
Eine gute Stunde hat das Gespräch gedauert, nun sind für Widmer und Flurbacher die wichtigsten Fragen geklärt. Das Paar nimmt sich vor, die Dokumente in den nächsten Tagen abzuschliessen und an einen Ort zu bringen, wo sie sicher sind und gut aufgefunden werden. Möglich ist dies etwa bei der Kesb oder durch Registrierung bei der Wohngemeinde. Die Patientenverfügung kann auch beim Hausarzt deponiert werden. «Das Gespräch hat uns einmal mehr gezeigt, wie wichtig es ist, diese Dinge zu regeln», sagt Widmer, und fügt an: «Die Papiere werden nun nicht mehr lange auf dem Küchentisch liegen bleiben.»

* Namen geändert. 

Text: Andres Eberhard, freier Journalist

Angebot laufend

Caritas, Pro Senectute und Dialog-Ethik (in Zusammenarbeit mit dem Beobachter) bieten Vorsorge-Dossiers mit Hintergrund-Informationen, Wegleitungen und Beratungen an:

www.caritas-zuerich.ch

www.dialog-ethik.ch

www.beobachter.ch/buchshop

www.prosenectute.ch

Angebot laufend

«Im Alter das Richtige tun»

Workshop zu Patientenverfügung, Vorsorgeauftrag, Testament. Mit Regula Hagmann, Leiterin der Caritas-Fachstelle «Begleitung in der letzten Lebensphase».

Do, 6.9., 13.30–17.00,
Beckenhofstr. 16, Zürich Fr. 30.–/60.–
Anmeldung bis 10.8.:

www.caritas-zuerich.ch/kurse-und-vortraege

Angebot laufend

Genügt Vertrauen?

Nachgefragt bei Regula Hagmann von Caritas Zürich

Ich möchte keine Patientenverfügung erstellen, denn die Person meines Vertrauens weiss, wie ich behandelt werden möchte, wenn ich nicht mehr urteilsfähig bin. 

In diesem Fall erstellen Sie einen Vorsorgeauftrag und bezeichnen die Person, die nicht nur für Ihre Vermögens- und Rechtsbelange, sondern auch für Ihre «Personensorge» zuständig sein soll. So wird diese Person im Falle Ihrer Urteilsunfähigkeit für Sie entscheiden, welche medizinischen Massnahmen ergriffen werden sollen. 

Der Vorsorgeauftrag muss von Hand geschrieben, datiert und unterschrieben sein. Man kann ihn bei der Kesb im Original hinterlegen, das kostet 150 Franken. Oder man lässt ihn auf der Gemeinde registrieren, damit die Behörden wissen, dass es den Vorsorgeauftrag gibt und wo er sich befindet. Das kostet 75 Franken. Sinnvoll ist, eine Kopie des Vorsorgeauftrages allen eingesetzten Personen zuzustellen.
Im Falle der Urteilsunfähigkeit der Person, die den Vorsorgeauftrag erstellt hat, muss die Kesb diesen Vorsorgeauftrag validieren und dann aktivieren. Das heisst, sie bestätigt, dass die eingesetzten Personen urteilsfähig sind und anerkannt werden müssen. 

Und wenn ich keinen Vorsorgeauftrag habe?

Dann muss die Kesb eine Person benennen, in erster Linie Angehörige. Falls es keine Angehörigen gibt, wird die Kesb für die urteilsunfähig gewordene Person die Vertretung übernehmen.

So oder so: Wir beschäftigen uns hier mit unglaublich existenziellen Fragen. Niemand weiss, wie er oder sie letztlich reagieren wird. Deshalb ist es so wichtig, schon jetzt darüber zu reden. Mit den Menschen Ihres Vertrauens und im Falle von Krankheit zusätzlich mit dem behandelnden Team. 

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