Schlusstakt: Gedanken zu Pfingsten

Unscheinbar

Ein jeder in seiner Sprache, seiner Religion, seinem Ritus: Das Setting von Pfingsten ist in Jerusalem Alltag.

Menschenmassen schieben sich in der frühjährlichen Hochsaison durch die Gassen der Jerusalemer Altstadt und ihre zahlreichen heiligen Stätten. Das Gewirr unzähliger Sprachen unterstreicht akkustisch den optischen Eindruck der chaotischen Gleichzeitigkeit: Ein jeder in seiner Sprache, in seiner Religion, in seinem Ritus. Der Blick auf den anderen folgt unweigerlich. Von Verunsicherung bis Begeisterung, Abstossung bis Hingezogensein reichen die Reaktionen. Diskret ist er in aller Regel ebenso wenig wie der Ausdruck der Vielfalt im Gesicht der Stadt. Das Setting von Pfingsten, das seltsam unwirklich erscheinen mag – in Jerusalem ist es Alltag.

Seltsam unwirklich auch sein Ort: der Abendmahlssaal auf dem Zionsberg, dem Ort, an dem Eucharistie und Priesteramt eingesetzt und so zusammen mit der Geistsendung die Fundamente der Kirche gelegt wurden. Der Ort, dessen Besitzverhältnisse seit Jahrzehnten umstritten sind und der zugleich von Muslimen und Juden als Grabstätte König Davids verehrt wird. Offiziell weder Kirche noch Synagoge, noch Moschee ist er Beispiel par excellence für das komplexe Über-, Neben- und Durcheinander in der Heiligen Stadt.

Sie alle verharrten dort einmütig im Gebet, wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und ein jeder hörte sie in seiner Sprache reden, heisst es in den biblischen Berichten zu Pfingsten. Gebetet wird immer noch viel am Pfingstort Jerusalem, auch zu reden gibt der Ort des Geschehens, einem jeden in seiner Sprache. Was seither oft fehlt, sind Verständnis und Eintracht.

Keine Geburt im Stall, keine weisen Männer, kein dramatischer Kreuzestod. Stattdessen Feuerflammen, ein bisschen Wind und viele Worte. Keine Basilika. Unscheinbar wie der Ort ist die Geburtsstunde der Kirche im Vergleich mit anderen Eckpfeilern christlicher Geschichte. Und doch enthält Pfingsten alles, was Jerusalem und letztlich das Leben in dieser Welt ausmacht: Trauer und Freude, Irritation und Euphorie, Unruhe und Geheimnis. Feuer und Sturm, die Elemente von Pfingsten, lassen nichts an ihrem Platz und kommen an Orte, die noch so unscheinbar scheinen. Wer von ihnen ergriffen wird, sich ergreifen lässt, geht verändert hervor. Dann gelingt ein neuer Anfang an den unmöglichsten Orten. Und auf einmal ist alles möglich.

Text: Andrea Krogmann