«Schönheit Wahnsinn»

Wie im richtigen Leben

Mit «Schönheit Wahnsinn» bringen die Festspiele Zürich ein scheinbar ungleiches Paar in die Stadt. Und die Paulus Akademie stellt in ihrem Festspiel-Beitrag dem schönsten Wahnsinn überhaupt nach: dem Irrenhaus Oper.

Viele Menschen halten die Oper geradeheraus für eine unerträgliche Zumutung. «So viel Musik! So lange still sitzen!», klagen die Klugen. Und die Spötter stöhnen: «Wenn da wenigstens nicht so fürchterlich viel gesungen würde…».

Damit rühren sie an einem wunden Punkt: Dass Menschen umständlich singen, anstatt frei von der Leber weg zu sprechen, macht die Oper zur unrealistischsten aller Kunstformen.
Dabei steht sie dem Wahnsinn des wirklichen Lebens eigentlich in nichts nach. Auf der Opernbühne gibt es nicht nur tragische Helden und Märchenprinzen, sondern es wimmelt von irren Typen, falschen Schlangen, machtgierigen Monstern in Männer- und Frauengestalt gleichermassen. Man erlebt hier Menschen, die masslos werden vor Sehnsucht, hartherzig aus Angst, aus Hass heraus brutal oder grausam in ihrem Streben nach Macht.
All diesen Menschen ist eines gemein: Sie sind aus ihrer Mitte gerissen. Getrieben von einer fixen Idee, verlieren sie jeden moralischen Kompass. Und ihr Wahn zeigt sich vor allem darin, dass sich jede und jeder absolut im Recht wähnt.
Genau betrachtet, sind es Variationen allzu vertrauter Verhaltensmuster, die einem nicht nur in der grossen Politik begegnen, sondern gerade auch im kleinen Alltag: wenn man sich einmal wieder wundert, warum sich Menschen so leidenschaftlich selbst im Weg stehen können.

Wer also etwas über menschliche Konflikte und ihre Eskalationsstufen lernen möchte, geht am besten in die Oper. Ihre Entstehung verdanken wir einem Missverständnis, nämlich dem Versuch, das antike Theater zu rekonstruieren. Schon hier spiegelten sich die archaischen Konflikte zwischen schicksalhafter Macht und dem menschlichen Wahn, sich dagegen aufzulehnen. Später kamen die grossen Menschenkenner unter den Komponisten: Wolfgang Amadeus Mozart, ein Experte für Zwischenmenschliches in allen Schattierungen, erfand Don Giovanni als Maniac; Giuseppe Verdi, ein begnadeter Konfliktforscher, schuf mit seinem dämonischen Grossinquisitor den bis heute gültigen Urtypus. Und was soll man von Richard Wagner sagen, dem Masslosen, dessen «Ring»-Personal aus äusserst niedrigen Beweggründen mal eben die Welt in Brand steckt?

Wie meistens im Leben geht es auch in der Oper keineswegs um den exakten Wortlaut. Sondern wie Menschen miteinander sprechen. Hier wird die Musik zum Schlüssel: In ihrem Gesang offenbaren Opernfiguren ihre geheimsten Gedanken. Wer genau hinhört, kann sie lügen, heucheln, taktieren – aber auch leiden, verzweifeln und zerbrechen hören. Die überspannte «Wahnsinnsarie» der Lucia di Lammermoor fällt als virtuose Varieténummer eher aus dem Rahmen. Wie wahrer Wahnsinn klingen kann, hört man besser bei Alban Berg nach («Wozzeck»), Leoš Janácek («Jenufa») oder Benjamin Britten («The Turn of the Screw»).

Am schlimmsten ist die Sprachlosigkeit. Wenn sich Partner nicht mehr mitteilen. Wenn sich Kontrahenten aus dem Weg gehen. Manchmal ist es gut zu wissen, dass man Dinge, die man nur schwer über die Lippen bringt, leichter singt. Wenn man Glück hat, entsteht daraus ein Liebeslied.

Text: Clemens Prokop

Angebot laufend

Festspiele Zürich 1.–24.  Juni 2018

«Wahnsinn Oper»
Ein Gespräch mit der Sopranistin Regula Mühlemann (Bild) über den Wahnsinnsstoff, aus dem die Oper gemacht ist, und darüber, weshalb Oper so irre ist. Leitung und Moderation Béatrice Acklin, Paulus Akademie.

Mi, 20. 6., 19.30–20. 30. Restaurant Belcanto, Falkenstr. 1, Zürich. Fr. 48.–/69.– inkl. Apéro. 

Tickets: 044 206 34 34,
www.festspiele-zuerich.ch

2x2 Tickets gratis an die ersten, welche sich melden unter: info@paulusakademie.ch