In der Nothilfeunterkunft Glattbrugg

Am Rand der Piste

Sie sind in die Schweiz geflüchtet und ihr Asylgesuch wurde abgelehnt. Zurück in ihre Heimat können und wollen sie nicht. Hier leben dürfen sie nicht. 80 dieser Männer sind in drei Baracken der Notunterkunft in Glattbrugg untergebracht. 

Christoph Albrecht sagt, er versuche zu jenen zu gehen, die sonst weniger Aufmerksamkeit bekommen. Zweimal pro Woche geht er im Namen des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes und des Solinetzes Zürich für zwei Stunden in die Notunterkunft in Glattbrugg. Sie liegt am Rand einer Piste des Klotener Flughafens.
Es sei schon eigenartig, sagt er: auf dieser Seite der Flughafenpisten das Einkaufszentrum, das Tram und urbanes Leben – auf der anderen viel Grün, zwei Überlandbusse, die drei niedrigen Baracken der Notunterkunft, kurz NUK. Albrecht selbst kennt diese Spannung. Der promovierte Theologe ist seit 1989 Jesuit, das Leben geteilt hat er aber seit jeher mit verschiedenen Menschen, die am Rand sind. In der NUK sind das offiziell 80 Männer. Zwei Mal pro Tag muss jeder durch Unterschrift seine Anwesenheit bestätigen. Viele haben eine Eingrenzung, das heisst, sie dürfen sich nur in einem deklarierten Umkreis bewegen. Bei manchen beschränkt sich dieser auf Kloten, bei anderen auf den Bezirk Bülach. Wer welche Eingrenzung erhalte? Klare Kriterien dafür seien nicht erkennbar, erzählt Albrecht, man könne nur hoffen, dass diese nach zwei Jahren jeweils nicht verlängert werde.

«Es freut mich, dich kennen zu lernen»
Bei unserem Besuch bekommen wir etwa 15 Männer zu Gesicht. Einer steckt seinen Kopf aus dem Fenster der Baracke, als er Christoph Albrecht von weitem sieht. Höflichkeit scheint Standard zu sein, zumindest wenn Besuch da ist. Man unterhält sich auf Deutsch, so gut es geht, es wird viel gelacht.
Jeder, den man begrüsst, sagt «Es freut mich, dich kennen zu lernen.» Schwarzer Tee wird für uns gekocht, dann kommen einige auf dem Velo durch die Abendsonne, fröhlich über das Wiedersehen, mit dicken Gefriersäcken im Gepäck. Vom Lebensmittelverkauf einer der Pfarreien bringen sie Salat, Bananen, Joghurt, einer hat zwei reife Passionsfrüchte ergattert. Als ich ihm sage, dass ich Passionsfrüchte liebe, schenkt er mir eine davon. Ich lache, lehne ab und lege sie aber in seinen Sack zurück. Einen Franken bezahlen sie, ob für den vollen Sack oder für ein Lebensmittel, verstehe ich nicht ganz. Die Männer sind schätzungsweise zwischen 18 und 45 Jahren alt. Sie wirken jung und agil, nur wenige bleiben eher am Rand, geben sich zurückhaltend.

Infografik: Simone Juon

Wer nicht warten lernt, überlebt nicht
Um Christoph Albrecht stehen gleich vier Männer herum. Sie sprechen über ÖV-Billette, Deutschkurse, den nächsten Mittagstisch. «Miteinander Deutsch lernen ist die beste Möglichkeit für mich, hierher kommen zu dürfen, ohne meine Besuche gross begründen zu müssen», sagt er. So gehen wir dann auch in die Hauptbaracke, in den Aufenthaltsraum. Schäbige Wände mit Dellen und Löchern, zwei Couches, ein Tisch, ein Tischkicker. Ein alter Heizstrahler in einer Ecke. Natürlich, im Winter wird hier in den niedrigen Räumen gefroren, im Sommer geschwitzt.
Wir wollen uns setzen zum Deutschlernen. Mesut*, ursprünglich aus der Mongolei und schon mehrere Jahre hier, sitzt schon mal am Tisch und wartet. Warten, warten, wer das hier nicht lernt, hat wohl kaum eine Chance zu überleben. Da beginnt Albrecht ein Gespräch mit einem Mann, der aber offenbar recht gut Deutsch spricht und der erst seit kurzem in dieser Unterkunft lebt.
«Du bist jetzt hier», sagt der Jesuit, «und ich schäme mich, dass ihr hier an solch einem Ort leben müsst. Als Schweizer, als Einheimische können wir das nicht ändern. Mein Angebot ist, dass ich hierher zu Besuch komme. Es ist mir wichtig, dass eine Gemeinschaft zwischen euch entsteht. Mir ist auch wichtig, dass ihr zu Kursangeboten und Treffpunkten gehen könnt, obwohl ihr so abgelegen wohnt. Doch Geld gibt es zu wenig, um ÖV-Abos für alle zu finanzieren. Wenn ihr zusammenarbeitet, als Team, dann haben mehr Leute etwas davon.» Der Mann hört zu und nickt. «Oder zum Beispiel in der Küche. Wenn der Ofen wieder einmal kaputt ist, dann könnt ihr gemeinsam zum Leiter von ORS gehen.»

Gewinnbringende Unternehmensführung
Die «ORS Service AG» führt diese Notunterkunft, genauso wie weitere rund 100 in der Schweiz, in Deutschland und Österreich. Laut ihrer Website ist die ORS ein «Betreuungs- und Integrationsunternehmen». Albrecht sagt: «Es ist ein börsennotiertes Unternehmen, das gewinnorientiert arbeitet.» Er rümpft die Nase und schweigt. Beim Eintritt hatten wir beide unsere ID-Karten in der vierten Baracke abgegeben, auf der Büro steht. Das Büro wirkt neuer als die anderen Baracken. Es hat eine Klimaanlage und eine Heizung.
Derweil sitzt Mesut immer noch am Tisch und wartet, dass wir mit dem Deutschlernen beginnen. Asaria*, ein junger Äthiopier, spricht mich an. Wir können uns in gutem Deutsch unterhalten. Er fragt mich, woher ich komme. Als ich sage, ich sei als Österreicherin auch Ausländerin hier, lacht er und sagt, ich sei eine «kleine Ausländerin» im Vergleich zu ihm selbst: ich könne ja arbeiten und hier leben. Wie recht er hat, sage ich und entschuldige mich für meinen Scherz. Er habe Krankenpfleger gelernt und sei vor dem Militäreinsatz geflohen. Überall Tote. Hier sei es ebenfalls sehr schwierig. Es sei sehr langweilig. Nicht einmal Fussballspielen sei hier möglich, erzählt er. Asaria wirkt resigniert.

Infografik: Simone Juon

Uneingeschränktes Bleiberecht für alle?
Mindestens fünf Jahre müssen die Männer hier – also in der NUK – leben, ehe sie ein Härtefallgesuch stellen können. Es bleibt nur dieser Weg. Der Asylantrag wurde ja bereits abgelehnt und ebenfalls der Rekurs, der Antragsteller kann nicht ausgeschafft werden und möchte das auch nicht. Eine Lösung? «Ich bin für eine grundlegende Neudefinition der Asylpolitik. Menschen, die bei uns leben wollen, sollten hier ihre Rechte und Pflichten wahrnehmen dürfen, ohne in die Illegalität gestossen zu werden», sagt Christoph Albrecht.
Seit er 2016 begonnen habe, jede Woche die Notunterkunft Glattbrugg zu besuchen, habe sich zumindest zwischenmenschlich manches verändert. Einige Männer kommen vermehrt aus ihren Zimmern, seien motivierter, Deutsch zu lernen. Er stellt mir einen jungen Iraker vor, der am rechten Bein hinkt. Er habe anfänglich behauptet, nicht einmal lesen zu können, sei lethargisch und depressiv gewesen. Heute hat er Übungsblätter an den Tisch gebracht und möchte Deutsch mit uns lernen. Als dann der Mann mit der Passionsfrucht zurückkommt und sie mir nochmals freudestrahlend schenkt, setzen wir uns doch noch zu Mesut an den Tisch.

Gegenstände, Farben und ein Grund, zu weinen
Wir sprechen über Gegenstände und deren Farben. Weil da eine grüne Brille abgebildet ist, erzählt einer, dass er schlecht sehe. Wir suchen nach dem Wort für seine Handbewegung – Augentropfen oder Tränen? Es sind die Augentropfen. Und doch sagt er unvermittelt: «Am Abend, wenn ich im Bett bin, denke ich oft an meine Mutter und meinen Vater. Dann weine ich…» und schon geht es weiter mit dem Deutschlernen, jemand hat etwas gefragt und der Moment ist vorbei.
Christoph Albrecht ist einer von wenigen, die NUK regelmässig besuchen. «Er ist Familie», sagt Asaria, der junge Äthiopier von vorhin, der mich später auch mit einem Augenzwinkern fragen wird, ob ich Single sei. Albrecht war es auch ein Anliegen, zumindest ein Angebot gegen die erwähnte Langeweile ins Leben zu rufen. Dienstags gibt es nun in einem schönen Bauernhof, der zum Quartiertreff in Kloten umgebaut wurde, ein gemeinsames Abendessen, das offen ist für alle. Kloten ist so gelegen, dass auch jene mit der strengsten Eingrenzung dorthin laufen oder mit dem Velo fahren können.
Vielleicht ist Gemeinschaft, Beziehungen, so etwas wie Freundschaft tatsächlich das einzig Realistische, das helfen kann. Ich höre, wie sich Asaria an Christoph Albrecht wendet und ihm etwas anvertraut: Er habe die Nachricht erhalten, sein Gesuch sei erneut abgelehnt worden. Er lässt die Schultern hängen. «Du musst wissen, dass du nichts Falsches getan hast», antwortet Albrecht.

*Name geändert.

Text: Veronika Jehle, freie Mitarbeiterin

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Buchtipp

Jörg Alt
«Globalisierung, illegale Migration, Armutsbekämpfung»
Loeper Literaturverlag, 2009, 376 Seiten.
ISBN: 978-3860595244