Editorial

Bürgerliches Geständnis

Ja: Ich habe am Fernseher die königliche Hochzeit in Windsor mitverfolgt. Und nochmals Ja: Ich war total fasziniert.

Ich habe gestaunt, was die Kenner der royalen Szene aus jedem Zentimeter Körperhaltung herauslesen konnten. Sie wussten mit ihrem Kennerblick, was Harry jetzt gerade über seine Meghan dachte. Was Meghan uns mit ihrem Gang durch die Kirche zu verstehen geben wollte. Weshalb die Queen wie von «Madame Tussauds» geliehen da sass.

Aber ehrlich gesagt: Mir geht’s als royalistischem Laien genau wie den Spezialisten. Ich habe untrügliche Zeichen dafür entdeckt, dass Meghan Markles Mutter sich diebisch freute, als Bischof Michael Curry mit seiner Predigt das Wachsfigurenkabinett aufmischte. Ich erkannte in Meghans strahlendem Gesicht tiefe Liebe zu ihrem Harry. Und in Harry sah ich meinen Sohn Patrick. Und deshalb weiss ich jetzt ganz genau, was für eine treuliebende Seele von einem Gemütsmenschen dieser Harry ist.

Genau das hat mich fasziniert: Dass mich eine Inszenierung zu verzaubern vermag. Eine Inszenierung völlig abgehoben von Zeit und Raum. Eine Märchenhochzeit scheinbar fernab jeglicher Realität. Und dass ich gleichzeitig dennoch eine universelle Wahrheit spürte. Die Wirklichkeit von kleinen Menschen. Und deshalb eine Verbundenheit, die mein Mitfühlen möglich macht.

Es war, als hätte ich ausgerechnet in einem millionenfach geteilten Medienspektakel einen heiligen Moment erlebt. Einen kurzen Augenblick, in dem meine Sehnsucht nach einer heilen Welt aufgenommen wurde. Ein Augenblick, der mir das Versprechen abgab, dass diese heile Welt mir gar nicht so fern und fremd ist.

Ich habe diesen heiligen Moment genossen. Wohlwissend, dass ich mich genau wie der Herzog und die Herzogin von Sussex nur allzu bald im profanen Alltag wiederfinden würde.

Text: Thomas Binotto