Narrenschiff

Wunderbare Aussichten

Die Queen und so mancher Royal schienen überfordert zu sein von einem Prediger, durch dessen Venen Blut statt Weihwasser floss.

Beim gemeinen Volk aber war die Begeisterung über Michael Currys Predigt zur Hochzeitsfeier von Prinz Harry und Meghan Markle gross. Und das eröffnet der Verkündigung des Christentums wunderbare Aussichten.

Die Liebe ist eine Macht! – So lautete die Botschaft des Bischofs von Chicago, Oberhaupt der Episkopalkirche der Vereinigten Staaten. Und diesen Appell trug er so engagiert vor, dass sich selbst die nüchterne «Frankfurter Allgemeine» zum Begeisterungssturm hinreissen liess: «Willkommen im 21. Jahrhundert!»

Aber dass die Liebe eine Macht ist, das steht seit zweitausend Jahren mehr als deutlich in der Bibel. Und deshalb ist das Hohelied der Liebe – zumindest verbal – ewiger christlicher Standard. Theologisch hatte Michael Curry also nichts Neues zu berichten. Die grosse Begeisterung über seine Rede kann deshalb nur eines bedeuten: Die vielerorts beklagte Glaubenskrise liegt nicht am Christentum und schon gar nicht
an Christus. Die Krise kommt von den Botschaftern.

Also Schluss mit dem beleidigten Jammern über Glaubensverdunstung und Kirchenkrise und ran an eine frohe Verkündigung der frohen Botschaft!
Wenn die Menschen auf das Hohelied der Liebe so begeistert reagieren, weshalb singen wir es dann nicht häufiger?

Michael Curry hat es vorgemacht: direkte Ansprache in verständlichen Worten, präsente Persönlichkeit, glaubwürdige und damit ansteckende Begeisterung. Er hat – wie es auch Papst Franziskus tut – mit Leib und Seele ein Christentum verkündigt, das den Liebenden Rückenwind verleiht und ihnen nicht mit Gegenwind droht.

Ein Christentum, das nicht verkniffen über die Schlechtigkeit der Welt vor sich hin grummelt, sondern froh, zuversichtlich und lebendig die Schönheit des Lebens preist.
Ein Christentum, das gerade aus dieser Lebensfreude heraus gesellschaftlich und politisch wach und aktiv ist.

Michael Curry ist kein genialer Überprediger. Man kann es ihm mit etwas Talent durchaus nachmachen. Und man wird damit auf weit offene Ohren stossen. Es hilft allerdings sehr, wenn ich als Christ tatsächlich daran glaube, dass die frohe Botschaft eine Botschaft ist, die froh macht.

Text: Thomas Binotto