Beziehungen

«Die Anderen motivieren mich mega.»

Farbige Schmetterlinge und Zettel mit dem Satz «Ich schaffe das» in allen Sprachen unterstützen die Jugendlichen in der Therapiestation auf ihrem Weg.

Die 15-jährige Angel spielt mit zwei anderen Jugendlichen Billard und setzt sich dann im kleinen Besprechungszimmer an den Tisch. «Mir ist es die letzten zwei Jahre mega schlecht gegangen», sagt sie. «Meine Freundinnen, dich ich schon vorher hatte, unterstützen mich aber sehr.» Seit sie in der Psychosomatisch-Psychiatrischen Therapiestation ist, merkt sie, welche Freundschaften halten. «Einige, die mich vorher nicht beachtet hatten, waren plötzlich übertrieben nett. Das brauche ich nicht, die sind nur so, weil sie mich für krank halten. Meine wirklichen Freundinnen behandeln mich ganz normal, so wie vorher.» 

Angel möchte nicht bemitleidet werden, «sonst fühle ich mich erst recht krank und hilflos. Wenn dir jemand zu viel hilft, dann gewöhnst du dich dran, dass du etwas nicht kannst.» Hier hingegen lernen die jungen Menschen, ihre inneren Kräfte zu aktivieren, um ihren Weg gehen zu können – manchmal im wahrsten Sinne des Wortes: Angels grösster Schritt war, sich ohne Krücken zu bewegen. «Aber als ich es geschafft hatte, war ich stolz und glücklich und voller Energie, das habe ich schon lange nicht mehr gespürt», sagt sie und strahlt.

Auf der Therapiestation werden Jugendliche von 12 bis 18 Jahren aufgenommen, die an komplexen, oft lang dauernden psychosomatischen Störungen (wie zum Beispiel Essstörungen) oder anderen psychiatrischen Krankheitsbildern leiden, welche durch ambulante Behandlungen nicht genügend gebessert werden konnten. «Es ist uns ganz wichtig, dass jeder und jede unserer Jugendlichen eine klar zugeordnete Bezugsperson und Therapeutin hat», sagt Anna Tholen, die ärztliche Leiterin dieser Abteilung des Kinderspitals. «Sie brauchen verlässliche Beziehungen. Das ist ein zentraler Faktor der Behandlung, auf den wir Wert legen.» Dabei gehe es nicht nur um die Beziehungen zu den Therapeutinnen, Pflegern und Ärztinnen, sondern auch um die Beziehungen unter den Jugendlichen, die hier in Behandlung sind, und mit ihrem sozialen Umfeld im «normalen Leben».

In der Regel bleiben die Jugendlichen drei Monate auf der Station – «eine relativ kurze Zeit, wenn man bedenkt, dass die Krankheitsgeschichte meist mehrere Jahre lang ist», sagt Tholen. Oft hätten die Jugendlichen kaum mehr ein reales soziales Netz, da sie sich vorher zurückgezogen hatten, keine Energie und kein Antrieb für Beziehungen da waren. Andere, wie Angel, haben Kontakte, die auch über die Zeit in der Klinik hinweg halten. Denn diese finden ja zu einem Teil über die sozialen Medien statt, die hier zu gewissen Zeiten gebraucht werden können. «Meine Freundinnen kommen mich auch besuchen und manchmal gehen wir zusammen in den Ausgang», sagt Angel. «An manchen Wochenenden gehe ich heim, dann sehe ich sie auch.»

Viele haben eine Mobbing-Geschichte hinter sich und sind sehr verunsichert. «Sie haben keine oder wenig Vorstellung, wie man eine Beziehung eingehen kann, und sind eher verängstigt», sagt Tholen. Die Teenager hätten bisher eher negative Erfahrungen gemacht mit ihrem Verhalten, manchmal auch wegen ihrem Über- oder Untergewicht. Manche schafften es nicht mehr, in die Schule zu gehen, und man warf ihnen vor, zu schwänzen. «Hier bekommen sie ein Übungsfeld. Sie üben sich darin, eine Beziehung einzugehen, und sie üben, wie man Beziehungen pflegt.» Dafür – und für die Behandlung des je eigenen Krankheitsbildes – haben sie die Unterstützung des ganzen Teams. Dazu gehören Jugendpsychiaterinnen, Psychologen, Lehrpersonen, Heilpädagogen, Pflegefachfrauen, Sozialpädagogen sowie eine Ergotherapeutin – und auch ein Therapiehund. Angels Augen leuchten, wenn sie von ihm erzählt: «Er ist jeden Montag hier, es ist ein ehemaliger Blindenhund. Er macht uns richtig Freude und das hilft mega. Letztes Mal konnte ich ihn kraulen, das war schön. Wir spielen, verstecken ihm das Futter, dann rennt er los und sucht es. Wenn ich erwachsen bin, möchte ich einen Hund haben.»

In einer Umfrage seien die jugendlichen Patientinnen und Patienten gefragt worden, was ihnen aus ihrer Sicht während des Klinikaufenthaltes am meisten geholfen habe. «Es war interessant», kommentiert die ärztliche Leiterin. «Nicht etwa unsere tollen Behandlungsangebote, das Essen oder die schöne Umgebung wurden genannt. Die häufigste Antwort war: der Kontakt zu den anderen Jugendlichen.» Die Umgebung bietet viele Möglichkeiten: Innenhof mit Schaukel, Billard und Tischfussball, gemütliche Ecken mit Gesellschaftsspielen. «Wir haben bewusst die Besuchszeiten eingeschränkt, was für manche Eltern nicht so leicht zu verstehen ist. Doch unsere Jugendlichen brauchen Zeiten, die sie gemeinsam verbringen können.» Per Whatsapp-Chat blieben sie dann lange über den Klinik-Aufenthalt hinaus vernetzt.

Die Jugendlichen helfen sich gegenseitig. «Am Anfang war ich etwas zurückhaltend», erzählt Angel. «Aber die andern Jugendlichen haben mich sehr gut aufgenommen, mich eingeladen zum Spielen.» Man komme sich rasch näher, und wenn jemand austrete, sei es «recht traurig». Hier finde man eben Freunde, «die verstehen, was du durchmachst, wie du dich fühlst, und die wissen, was sie in so einem Moment machen oder sagen sollen, das ist toll». Seit die anderen sie so motivierten, mache sie viel mehr Fortschritte. Angel hat gemerkt: «Ich kann mich ändern, ich kann zu mir selber finden. Weil mich die andern motiviert haben, obwohl es ihnen selber nicht so gut ging.» Auch sie geht auf die andern zu. «Nicht immer hatte ich die Kraft dafür, aber das verstehen alle.» Wenn es jedoch «so lala» gehe, dann helfe man einander: «Kürzlich merkte ich, dass es einer Kollegin nicht so gut ging. Ich sprach sie aber nicht darauf an, sondern schlug vor: Machen wir ein Spiel! Da ist sie eingestiegen und dann hat sie sogar gelacht. Das hilft auch mir selber. Das gibt uns Lebensfreude zurück.»

Diese jugendliche Entwicklungsfähigkeit sei ein grosses Plus, sagt auch Anna Tholen. «Mit Jugendlichen arbeiten ist sehr dankbar, denn sie sind mitten in einem Entwicklungsprozess, sie verändern sich, und deshalb ist auch die Entwicklung in eine positive Richtung möglich.» Nicht, dass alle Störungen vollständig verschwinden würden. Aber die Jugendlichen lernen, sich selber anzunehmen und die Zeichen zu erkennen, wenn es kritisch wird, um dann Hilfe zu suchen. «In der Zeit hier habe ich mehr über mich selber herausgefunden als in der ganzen Psychotherapie vorher», sagt Angel. Sie litt unter Panikattacken und Ängsten. «Ich weiss jetzt, dass ich zu viel Last auf mich genommen habe, die ich nicht halten kann. Jetzt kann ich – den richtigen Leuten – zeigen, wie es mir wirklich geht, und Hilfe annehmen. Auch wenn die Angst kommt, so kann ich jetzt etwas dagegensetzen, weil ich Kraft bekommen habe. Es ist gut hier, und es ist gut, auch bald wieder zu gehen, auch wenn der Gedanke an den Austritt noch ein etwas mulmiges Gefühl weckt.»

Das Pseudonym «Angel» hat die 15-Jährige sich für diesen Beitrag ausgewählt, weil dieses in ihr das Bild einer Person weckt, die mutig ist: «Mutig und trotzdem sanft. Und die Freiheit hat, sich selbst zu sein.»

Text: Beatrix Ledergerber-Bauer

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Anna Tholen

Ärztliche Leiterin der Psychosomatisch-Psychiatrischen Therapiestation.