Editorial

Lebensraum Spital

Als ich ein Kind war, da gehörte das «Kinderspital Zürich» für mich zu den besonders schönen Orten.

Ich bin zwar im Kanton Luzern aufgewachsen und war nie Patient im Kispi. Aber wir hatten das Bilderbuch «Elisabeth wird gesund» von Alfons Weber und Jacqueline Blass. Und dieses Buch, das bedeutete für mich «Kinderspital». Ein Ort, an dem sich alle Menschen liebevoll um Kinder kümmern.

Erst später habe ich erfahren, dass Alfons Weber, damals leitender Arzt am Kinderspital, mit seinem 1969 erschienenen Bilderbuch genau dies erreichen wollte – und dank den sensiblen Illustrationen von Jacqueline Blass auch erreichen konnte: Kindern die Angst vor dem Spitalaufenthalt nehmen.

Im kirchlichen Kontext wird das Thema «Spital» inzwischen fast automatisch mit dem Thema «Palliative Care» verbunden. Wir wollen mit diesem Themenheft diese Engführung aufbrechen und dem Spital als Ort begegnen, der viel weiter ist und viel mehr umfasst als nur die Frage nach dem Sterben. Wir wollen den «Lebensraum Spital» entdecken.

Das Kinderspital hat sich da nicht nur deshalb angeboten, weil es seinen 150. Geburtstag feiert und einen bemerkenswerten Neubau in Angriff nimmt. Gerade Kinder besitzen die besondere Gabe, sich Lebensräume zu schaffen und zu erobern – auch im Spital.

Ich selbst musste als Kind nur ein einziges Mal ins Spital. Und es ging glücklicherweise nur um eine harmlose Entfernung der Mandeln. Aber auch das kann für ein Trauma reichen. Ich jedoch erinnere mich nur noch an herrliche blütenweisse Bettwäsche und an Glace à discrétion. Und natürlich an Schwestern, in die ich mich sofort unsterblich verliebt habe.

Text: Thomas Binotto