Schlusstakt

Lift durchs Leben

Hoch über Zürich thront das Gebäude der Frauenklinik aus den 70er-Jahren. Einmal mehr führen mich meine Schritte darauf zu. Dieses Mal möchte ich meinen Aufenthalt möglichst kurz halten. Leider macht mir aber die überlastete Liftanlage des Spitals einen Strich durch die Rechnung.

Patienten mit ihren Infusionsbäumchen, Pflegefachleute und Angehörige mit Blumensträussen in den Händen stehen vor verschlossenen Lifttüren. Aus Erfahrung weiss ich, dass es nun länger dauert, bis ich auf die Etage B gelange. Im «B» befindet sich die allgemeine gynäkologische Abteilung. Dort werden Kontrollen gemacht und Resultate besprochen. Darum auch meine Eile, ich möchte möglichst schnell die Ergebnisse der letzten Untersuchungen. 

«Beruhige dich», sage ich mir, «dieses Mal musst du wenigstens nicht ins ‹O›.» «O» steht für onkologische Tagesklinik. Muss man dorthin, braucht man sich nicht zu beeilen. Damit das Gift in den Venen nicht allzu viel Schaden anrichtet, tropft die Chemotherapie langsam in den Körper. Stundenlanges Sitzen und Hoffen, dass keine allergische Reaktion hervorgerufen wird.

Zum Glück hat man vom «O» eine wunderbare Aussicht über Zürich und den Zürichsee. An schönen Tagen sieht man bis zu den Berggipfeln. In schweren Momenten hatte ich somit immer ein Ziel vor Augen, nämlich möglichst schnell wieder die schneebedeckten Hänge hinunterzugleiten.

Ein Gong ertönt und reisst mich aus meinen Gedanken. Eine Fahrstuhltüre öffnet sich – alle drängeln in die Kabine. Ich sehe in die Gesichter meiner Mitfahrerinnen und -fahrer. Ein Geschäftsmann strahlt mich voller Glückseligkeit an. Wird er auf die oberste Taste «P» drücken?

In der Privatstation «P» logieren die frischgebackenen Mütter mit ihren Neugeborenen. Auch ich kam dort oben – sozusagen im Spitalhimmel – vor mehr als vierzig Jahren zur Welt. Damals wusste noch niemand, dass ich dreissig Jahre später – nur ein Stockwerk tiefer – um mein Leben kämpfen würde. Geburt und Tod liegen in diesem Gebäude nahe beieinander. – Richtig geraten, der Geschäftsmann drückt aufs «P». Der Fahrstuhl kommt ruckartig in Bewegung. Eine bleiche magere Frau mit Kopftuch hält sich tapfer an der Haltestange fest – wohin wird diese Fahrt sie wohl führen?

Der Lift stoppt und Taste «D» leuchtet auf. Warme Gefühle steigen in mir auf. Mein Patenkind und ihre Zwillingsschwester wurden hier auf der Neonatologie monatelang aufgepäppelt. Dann – nach langen Wochen zwischen Hoffen und Bangen – durften sie nach Hause. Was für ein grossartiger Moment.

Eine junge Ärztin quetscht sich zu uns in den Fahrstuhl und drückt auf die Taste «B». Mir wird flau im Magen. Meine Resultate erwarten mich und werden entscheiden, in welche Etage mich dieser «Lebenslift» noch fahren wird.

Text: Nadja Hoffmann