Spitalseelsorge

Zeit zu verschenken

Spital-Seelsorgende bieten Zeit und eine andere Perspektive an. Das hilft nicht nur den Kindern und ihren Eltern, sondern auch dem Pflegeteam.

Herr Röösli, was ist Ihre Aufgabe als Seelsorger am Kinderspital?
Beat Röösli: Ich besuche kranke Kinder, spreche, spiele oder bete mit ihnen, höre zu und unterstütze die Eltern, begleite, ermutige oder tröste. Wir bekommen eine Patientenliste und sprechen uns im Seelsorge-Team ab, wer welche Familie besucht. Dann bin ich für «meine» Patienten da und habe Zeit für sie.
Es geht mir um unvoreingenommene Begegnung. Häufig sind es einmalige Kontakte zu Familien. Seelsorge fängt da an Sinn zu machen, wo es in eine Beziehung hineingeht. Ich verstehe mich nicht als eingeflogener Vertreter der Kirche, sondern als Teil des interdisziplinären Begleitungsteams. Und als Teil eines ökumenischen Teams: Wir sind zwei katholische und zwei reformierte Spitalseelsorger vor Ort.

Frau Kuster, Sie leiten den Pflegedienst am Kispi. Was von dem, was Seelsorgerinnen und Seelsorger tun, hat Auswirkungen auf die Arbeit der Pflege?
Bettina Kuster: Seelsorge hat eine klare und spürbare Auswirkung. Wenn Kinder und Eltern zu uns kommen, sind sie eigentlich immer in einer Ausnahmesituation. Pflegefachpersonen und das Betreuungsteam können davon einen Teil auffangen, es gibt aber auch eine Grenze. Zunächst die zeitliche Ressource – das Ausmass an Zeit, das die Seelsorge hat, haben andere oft nicht.
Fest zum Tragen kommen die Seelsorger auch, wenn es um palliative Situationen geht. Bei uns sterben pro Jahr etwa 50 Kinder. Das sind hochemotionale und belastende Situationen – auch für das Team. Dass da jemand mit da ist, das unterstützt sehr. Wichtig sind für uns auch die Rituale, die die Seelsorge anbietet. Sie sind wichtige Elemente im Abschiednehmen von Kindern oder in schwierigen Situationen.

Beat Röösli: Was ich anbieten kann, ist tatsächlich Zeit. Wir sind wie ein zusätzlicher Teil, der dort etwas übernehmen kann, wo die Ressourcen begrenzt sind. Dieses Angebot kommt meistens gut an, und ich kann anfangen, mit den Menschen zu sprechen und sie zu begleiten.

Pointiert: Was würde fehlen ohne Seelsorge?
Bettina Kuster: Personen, die noch eine andere Perspektive hineinbringen. Die versuchen, Trost und Hoffnung – auch in hoffnungslosen Situationen – zu geben, aus der religiösen Perspektive.

Trost und Hoffnung – woher nehmen Sie das?
Beat Röösli: Ich würde sagen, das ist mir gegeben (lacht). Meine Kraftquellen sind Poesie, Musik, Spazieren… und ja, der Glaube. Aber Glaube ist ein schwieriges Wort. Sagen wir ein Gottvertrauen?
Zusätzlich ist es wohl eine Typenfrage. Ich bin gern mit Kindern unterwegs. Ich bewege mich auch gern an den Abgründen der Existenz. Dort ist das Leben wirklicher, als wenn es im Alltag vor sich hinplätschert.

Oftmals geht es um schwere, existenzielle Situationen. Wie lässt sich mit Kindern über ihre Krankheit und über den Tod sprechen?
Bettina Kuster: Kinder haben aus meiner Perspektive einen viel unmittelbareren Zugang zu Leben und Tod. Häufig ist es einfacher, mit Kindern über den Tod zu sprechen, weil sie das anders akzeptieren, anders wahrnehmen. Es hat natürlich die Trauer darin, gerade wenn ältere Kinder schon mehr verstehen. Die Gespräche mit den Eltern sind viel anspruchsvoller, sie verlieren ihr Kind. Kinder haben oft einen unbeschwerteren Zugang.

Haben Sie ein Beispiel?
Bettina Kuster: Ein Mädchen kommt mir in den Sinn, das mit 14 Jahren eine onkologische Krankheit hatte. Am Schluss hat sie wirklich ihre Eltern getröstet, im Sinn von: Ihr müsst nicht traurig sein, dort, wo ich hingehe, ist es gut. Sie war jemand mit einem Glauben. Es gibt andere, die haben das nicht. Das hat mich sehr beeindruckt und berührt. Es hatte nichts Leidendes.

Beat Röösli: Gestern habe ich einen vierjährigen Jungen getroffen, der – in den Pausen zwischen seinen Chemotherapien – Seifenblasen machte. «Seifiblötterle». Ich hab’s auch versucht. Er war besser. Wir lachten.

Ist es denn klar für Kinder, dass da etwas sein wird, nach dem Tod?
Beat Röösli: Ich glaube, ja.
Bettina Kuster: Sie stellen sich die Frage nicht.
Beat Röösli: Sie stellen die Frage nicht kompliziert.
Bettina Kuster: Jetzt lebt man und sie beschreiben oder zeichnen einen anderen Ort, da ist der Tod dann.

Zurück bleiben die Erwachsenen, auch Sie als Team. Wenn ein Kind stirbt, wie gelingt es, nicht an Gott und am Leben zu verzweifeln?
Bettina Kuster: Wenn sich die Todesfälle häufen, machen wir Rituale. Natürlich ist das kein Zwang, aber ein Angebot. Am Gelände gibt es ein kleines Flüssli, da gehen wir dann beispielsweise mit der Seelsorge hin. Wir geben Rosenblätter in den Fluss und schicken sie auf den Weg. Wir verabschieden so die Verstorbenen und lassen los. Wir haben versucht, unser Bestes zu geben. Das hat eine tiefe Wirkung. Wenn wir merken, dass das Team sehr belastet ist, dann schaltet sich die Leitung ein: Supervision wird organisiert oder eine Retraite. Niemand muss alleine sein mit diesen Gefühlen.

Beat Röösli: Auch das jährliche Feuerritual, wo wir zusammen mit dem Pflegefachpersonal Karten und Todesanzeigen dem Feuer übergeben, ist ein solches Abschiedsritual.

Als Seelsorger sind Sie derjenige, der die Rituale gestaltet. Wie geht es Ihnen damit, von Gott zu sprechen – und dann so etwas begleiten zu müssen?
Beat Röösli: Sicher bin ich selbst traurig, trotz aller professionellen Abgrenzung. Wenn ich ein Ritual gestalte, geht es um Professionalität. Ich habe ein Repertoire und weiss, was ich mache. Weil ich in einer religiösen Tradition stehe, die Rituale hat, die Worte, Abschiedsfeiern und den Segen kennt. All das muss ich nicht neu erfinden, in dem Moment, in dem es nichts mehr zu sagen gibt. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich bin der, der den Rahmen hält, der zuerst auch klärt, was überhaupt gewünscht ist, von den Angehörigen, vom Pflegeteam. Ich verstehe mich als eine Art Zeremonienmeister.

Menschen bringen verschiedene kulturelle und religiöse Hintergründe mit. Was «verhebt» aus dem Schatz des Christlichen inmitten dieser Vielfalt?
Beat Röösli: Es ist die Freiheit und die Möglichkeit, Kirche am Weg zu sein. Ich kann im christlichen Auftrag mit Christen und mit jedermann und jederfrau in dieser Zuwendung mit Nächstenliebe unterwegs sein, mich auseinandersetzen, auf den Mitmenschen eingehen. Dann sind es, wie bereits gesagt, der Fundus von Ritualen und die Gebete. Wir haben das «Vaterunser».
Zu Menschen, die näher und ferner der christlichen Tradition sind, kann ich sagen: Uns fehlen die Worte, lasst uns mit diesen Worten beten, die wir kennen, die Jesus uns gelehrt hat. Das ist etwas sehr Hilfreiches. Die Tradition bietet uns die Möglichkeit, zu variieren, je nach Situation, ohne selbst etwas ganz neu erfinden zu müssen.

Bettina Kuster: Durch die differenzierte Herangehensweise der Seelsorge können oft auch Personen ja dazu sagen, die sonst wenig mit der Kirche anfangen können.

Was gibt Ihnen jeweils Mut für Ihre Arbeit?
Beat Röösli: Die Abgründe der Existenz, Leiden und Sterben nehmen viel Raum ein. Aber: Das ist nicht der Kern. Wäre ich «nur» dafür da, würde ich nicht am Kispi arbeiten. In der Mehrheit der Begleitungen ist ja nicht der Tod das Ende, sondern die Freude beim Austritt und allenfalls ein Wiedersehen. Wenn Menschen dann zum Beispiel zur Therapie zurückkommen, freut man sich, einander wieder zu sehen und die Beziehung fortzusetzen.

Bettina Kuster: Ich finde das einen guten Input (lacht). Wir haben viele kranke Kinder – und wir haben auch viele kleine Wunder. Kinder gehen wieder heim in einem guten Zustand, sie können re-
integriert werden in die Familie und die Familien in eine normale Situation. Ich schätze die Zusammenarbeit der Seelsorge mit den Pflegefachpersonen und auch im interdisziplinären Team sehr. Sie ist ein wichtiger Pfeiler im ganzen Setting – wir sind nur so gut, wie wir als Team gut unterwegs sind miteinander.

Text: Veronika Jehle, freie Mitarbeiterin