Stolperstein: Mutter der Kirche

…auch rebellisch

Erstmals hat Papst Franziskus den Pfingstmontag zu einem zusätzlichen – inzwischen schon 13. – Marienfeiertag erklärt: An ihm soll in besonderer Weise an Maria als «Mutter der Kirche» gedacht werden. Ein wenig problematisch, wenn man bedenkt, dass in vielen Pfarreien an diesem 2. Pfingstfeiertag ökumenische Gottesdienste stattfinden!?

In seiner Ansprache in der Frühmesse betonte der Papst, dass ihm die mütterliche, fürsorgende und zärtliche Seite von Maria als Mutter äusserst wichtig sei. Daran müsse sich die Kirche, die auch weiblich ist, ausrichten, um nicht eine «männliche Kirche» zu werden, eine Kirche «alter Junggesellen: in sich selbst verschlossen; unfähig zu lieben; unfähig, fruchtbar zu sein.» Ein wenig plakativ und provozierend, aber im Kern wohl treffend…

Mich hat die Ankündigung dieses neuen Marienfeiertags zu einem weiteren Aspekt inspiriert: Eine Mutter ist nicht nur die Stillende und Behütende, die schweigsam Dienende. Sie prägt auch ihre Kinder durch ihre Einstellungen und Überzeugungen. Und diese Maria hat als junge Frau in ihrem Lobpreis (Lukas 1,46–55) betont, dass sie an einen Gott glaubt, der die Hohen von ihrem Thron stürzt und die Unterdrückten emporhebt, die Hungrigen satt macht und die Reichen leer ausgehen lässt. Demnach hat Maria – zumindest innerlich – rebelliert gegen die Ungerechtigkeiten ihrer Zeit. Und diese Hoffnung auf einen Gott, der durch einen heiligen Umsturz für Gerechtigkeit sorgt, hat sie sicher auch ihrem Sohn weitergegeben.

Dass aus diesem Jesus ein Revolutionär und Reformator wurde, war vermutlich nicht ihr primäres Erziehungsziel. Aber sie ist den Weg ihres Sohnes mitgegangen, bis zum Schluss, bis zum Tod am Kreuz – und darüber hinaus. Denn in ihrer Hoffnung auf eine andere Welt, auf eine geschwisterliche Gemeinschaft, die niemand ausgrenzt und unterdrückt, waren sie eins.

Maria als «Mutter der Kirche» könnte uns, auch in ökumenischen Gottesdiensten am Pfingstmontag, ermutigen, die Hoffnung auf eine bessere Welt nicht aufzugeben, sondern alles uns Mögliche zu tun, dass sie tatsächlich besser wird.

Text: Rudolf Vögele, Leiter Ressort Pastoral im Generalvikariat Zürich-Glarus