Editorial

Grenzenlos glücklich?

Immer mal wieder ist mein Arbeitsspeicher überlastet. Dann blinken tausend rote Lampen. Nicht in meinem Computer – sondern in meinem Kopf.

Inmitten all dieses Überflusses – warum nur leide ich so sehr? Ich habe genug zu essen; lebe in einem Land, das meine Rechte schützt und mir Sicherheit bietet; bin freier in der Wahl meines Lebensstils, als es meine Vorfahren je waren. Das kulturelle Angebot quillt über, ebenso die Palette an Varianten zur Freizeitgestaltung. Ein Schlaraffenland mit Chancen auf Erfüllung und Lebensglück ohne Ende.

Sollte ich da nicht einfach nur entspannt und zufrieden sein? Grenzenlos glücklich?

Stattdessen stehe ich unter Stress. All diese Möglichkeiten! Die Fülle von Entscheidungen, die ich täglich zu treffen habe… Sollten sie nicht eigentlich Spass und Freude machen – anstatt mir die Luft rauben?

Welchen Telekom-Anbieter wähle ich denn nun aus – und welches Krankenkassenmodell? Welches Versicherungspaket deckt meine Bedürfnisse am besten ab?

Lebe ich als Flexitarierin ethisch korrekt genug – oder sollte mein Essen eher biologisch-vegan sein? Ayurveda oder Säure-Basen? Welche Diät verspricht die beste Bikini-Figur? Und wo trage ich diesen Bikini denn: am Zürichsee oder doch lieber am Mittelmeer?

Auch bewusst einkaufen will ich natürlich. Doch wie soll ich wissen, welche Waren ohne Kinderarbeit, Tierversuche und Umweltsünden produziert wurden? Ich könnte im Internet recherchieren – allein nur, auf welchem Portal?

Mein wunderschönes modernes Leben. Manchmal wird mir schwindlig. Nichts ist kostbarer als die Lebenszeit. Und die vergeude ich oft mit einer Fülle von Optionen, die ich für Freiheit halte.

Text: Pia Stadler