Editorial

Bäumig

Weshalb schenkt die Kirche eigentlich den Menschen nicht mehr Ruhe und Freiraum?

Bis Ende Juli hängt im Hauptbahnhof «GaiaMotherTree», eine Installation des brasilianischen Künstlers Ernesto Neto. Und egal zu welcher Tageszeit ich an diesem Kunstwerk vorbei gehe – immer sitzen und liegen Menschen in diesem «Baum». Ausgerechnet in der hektischen Pulsader Zürichs, durch die täglich geschätzte 441 000 Menschen gepumpt werden, stösst ein Werk auf grosses Interesse, das Ruhe und Freiraum verspricht.

Der Hauptbahnhof ist Tag für Tag ein Sinnbild für hoch getaktete Zeitpläne und dicht verbaute Räume. Für Rastlosigkeit und Dauerbeschallung. Für ein Lebensgefühl, das wir alle mehr oder weniger laut beklagen. Mit jedem neuen Social-Life-Channel und mit jeder auf Ertrag getrimmten Fläche nimmt die Klage zu. Der Wunsch nach Ruhe und Freiraum gehört zu den meistgehörten Wünschen überhaupt.

Und genau für diesen Wunsch hält die Kirche Tag für Tag ein grossartiges Angebot bereit. So wie ich mich in den «GaiaMotherTree» setzen kann, so kann ich mich in Zürich auch in Dutzende von Kirchen setzen, wo nichts als Stille und Raum geboten werden.

Ich hoffe inständig, dass sich die Kirchen beim Hauptbahnhof nicht ausgerechnet die Hektik und die Dichte zum Vorbild nehmen. Aktivismus und permanentes Senden von Botschaften sind keine attraktiven Alternativen zum Zeitlauf. Und hysterischer Moralismus übrigens auch nicht. Die Kirche sollte den Menschen noch viel grosszügiger das schenken, wonach sie sich sehen: Gelassene Ruhe und unverzweckten Freiraum. Ein Ort, wo sie nichts sein müssen – nicht einmal engagierte Christen. Ein Ort, wo sie schlicht und einfach sein dürfen.

Ich wünsche mir gerade in diesen Sommertagen etwas weniger Spring-hin-Kirche und etwas mehr Wir-sind- einfach-da-Kirche.

Text: Thomas Binotto