Wortbilder

Unterhaltung

Wenn wir «Unterhaltung» sagen, denken wir unwillkürlich an «leicht» oder gar «oberflächlich». Obwohl das Wort etwas ganz anderes sagt.

Wenn wir allerdings an den Unterhalt einer Familie oder eines Hauses denken, scheint die buchstäblich fundamentale Bedeutung des Wortes auf. Wer eine Familie unterhält, der strengt sich an, der verpflichtet sich, der hält durch.

Das Wort «Unterhalt» zeigt in seiner Bildhaftigkeit unmittelbar an, wo es hingehört: An die Basis, ins Fundament,
in das, was uns von unten her hält und trägt. Und was geschähe, wenn wir uns dieser Bedeutung für jede Art von «Unterhaltung» bewusst wären? Wenn wir Unterhaltungen beispielsweise als Gespräche sähen, die eine Grundlage für unsere Beziehungen bilden?

Wenn wir uns in Büchern, Filmen, in der Musik, im Theater, in der Kunst, im Fernsehen und im Internet wahrhaftig gute Unterhaltung suchen würden, die unser Denken und Fühlen anregt und bereichert?

Selbst die leichte Unterhaltung erhält dann ihren tieferen Grund. Sie wird zum Versuch, auf möglichst leicht verständliche Art und Weise anzuregen, unterhaltsam zu sein. Und was bewirkt wohl mehr: eine scharfe Moralpredigt, bei der wir uns innerlich schon nach den ersten Sätzen abwenden – oder ein unterhaltsamer Witz, der eine tiefe Wahrheit, vielleicht sogar eine tiefe Tragik so enthüllt, dass wir gar nicht anders können als innezuhalten?

Für diese Art von Unterhaltung ist ausgerechnet Jesus ein mustergültiges Beispiel. Er hat Geschichten erzählt. Ungewöhnliche Geschichten, spannende Geschichten, pointierte Geschichten. Geschichten, denen man ganz leicht folgen konnte, die sich aber danach folgenschwer entfalteten.

Jesus wurde durch die Umstände gezwungen, ein leichter Unterhalter zu sein. In einer Kultur des Erzählens war er grosser Konkurrenz ausgesetzt. Und seine Zuhörerinnen und Zuhörer sassen nicht bereits als fromme Gläubige in der Kirchenbank. Sie waren gekommen, weil sie hören wollten, was dieser Mann aus Nazareth zu bieten hatte. Wenn er schlechte Unterhaltung geboten hätte, dann wären sie schnell wieder verschwunden und nie mehr aufgetaucht.

Aber sie blieben – über Jahrhunderte hinweg – und hörten ihm zu. Weil er ein blendender Unterhalter ist. Weil er der Unterhalter schlechthin sein will. Derjenige, der uns von unten hält und unser Leben auf einen tragfesten Grund stellt.



unterhalten
beeinflusst von französisch: entretenir, soutenir

Text: Thomas Binotto