Kolumne

Belgisches Bier

Werner De Schepper erzählt seine ganz persönliche Bier-Kultur-Geschichte.

Drei Sachen brachten meine Eltern immer aus ihrer Heimat Belgien in die Schweiz mit: belgisches Bier – das war meist Trappistenbier in braunen, nicht etikettierten Flaschen in speziellen Holzkisten –, belgisches Brot – das war eine Art Honigkuchen – und belgische Pickles – eine Sauce für Pommes frites. Brot und Pickles stiessen bei unseren Schweizer Gästen auf mässige Begeisterung. Auf ein belgisches Bier hingegen kamen alle gern vorbei.

Obwohl ich jetzt in einem Weinbauerndorf lebe, kommen meine Freunde auch bei mir am liebsten auf ein belgisches Bier. Aber nicht auf irgendein belgisches Bier, sondern ganz speziell auf ein Trappistenbier.
Kein Wunder. Unterdessen gibt es auch in der Schweiz praktisch überall belgisches Bier zu kaufen. Meist doppelt bis dreimal so teuer wie in Belgien, aber immerhin. Nur die Biere mit der Aufschrift «Authentic Trappist Beer» sind in der Schweiz nach wie vor eine Rarität. Und etwas ganz anderes. 

Als Kind bei Grossvater in der Bäckerei registrierte ich früh, dass praktisch jeder, der vorbeikam, ein Bier erhielt. Aber das war einfach ein «Pintje» aus dem Kühlschrank. Nur bei ganz besonderen Festessen oder bei ganz besonderen Gästen – beispielsweise wenn der Pfarrer vorbeikam, um der bettlägerigen Grossmutter die Hostie zu bringen – mussten wir Kinder in den Keller runter und ein Trappist raufbringen.
Schon das war ein Abenteuer. Denn der Keller meines Grossvaters war ein sagenumwobener Ort. Er war ganz tief in die Erde hineingebaut und die Treppe dort hinunter sehr steil. Hier sass mein Vater mit seiner Familie, wenn amerikanische Flieger über das hitler-besetzte Dorf flogen. Und hier versteckte mein Grossvater die letzten Kriegsmonate einen US-Piloten, den die Deutschen vom Himmel geschossen hatten. 

Dort unten also holten wir das Trappistenbier. Sie lagen gut versteckt in alten, von Spinnweben verhängten Holzkisten unter der Treppe. Sie hatten kein Etikett, nur eine Gravur auf der Holzkiste mit der Bezeichnung des Klosters «Westmalle». Es brauchte einen gewissen Mut, durch die Spinnweben hindurch einfach in die Kiste zu langen. Dafür bekamen wir oben von Grossvater immer ein bisschen Bierschaum zum Abschlecken.
Und Grossvater – wie später auch mein Vater – erklärte den Gästen jeweils feierlich: Je älter das Bier, desto besser. Tatsächlich kann man Trappistenbier über Jahre hinweg lagern. Allerdings kam ich nie dazu, es selber zu überprüfen, da die Kisten sich wundersamerweise von Belgien-Besuch zu Belgien-Besuch stets vollständig leeren.

Heute haben auch Trappistenbiere Etiketten. Und sogar ein Verfalldatum. Sie werden auch nicht mehr in Holzkisten, sondern in Plastikharassen angeboten. Aber sie werden immer noch nach demselben Rezept gebraut. Immer noch mit Kandiszucker. Und immer noch sind zwei Gläser Trappist so gut wie eine Mahlzeit. Das war nicht nur der beliebte Tischspruch meines Grossvaters. Es ist der authentische Geist aus der Flasche. Schliesslich sind Trappistenbiere Fastenbiere, gebraut für mystische Erkenntnisse während der Fastenzeit. Denn wie wir Katholiken alle wissen: Trinken bricht das Fasten nicht. 

Noch wichtiger jedoch: Trappistenbiere sind nicht nur unheimlich schmackhaft, sie entziehen sich bis heute weitgehend dem kapitalistischen Prinzip. Alle Trappistenbiere mit dem «Authentic»-Siegel stammen aus von Trappisten bewohnten und bewirtschafteten Klöstern. Wenn auch heute in den Klosterbrauereien nicht mehr nur Mönche arbeiten, so gelten doch überall dieselben alten kommunistischen Prinzipien: Der Gewinn ist fürs Kloster und wird ausschliesslich zum Erhalt des Klosterlebens verwendet. Deshalb gibt es auch eine Mengenbeschränkung. Es wird nicht mehr produziert als nötig. Jedes Kloster braut nach seinen Bedürfnissen. Mit dem paradoxen Resultat, dass die Flaschen des Klosters Westvleteren, das von allen Trappistenklöstern am wenigsten Bier produziert, heute am allerteuersten sind und ausser in den Beizen der Region Westvleteren fast nur noch in der flämischen Edelgastronomie zu finden sind.

Umso sympathischer ist deshalb der Ansatz des ersten und einzigen Klosterbiers in der Schweiz: Die Pilgrim-Brauerei ist zwar eine AG, aber sie hat – obwohl in einem Benediktinerkloster beheimatet – in den Statuten einen alten Trappistengedanken mitgenommen: Erwirtschaften eines substanziellen Beitrags an den Erhalt der Klosteranlagen.
Und noch schöner: Es ist das erste Schweizer Bier, das ich ohne rot zu werden als «belgisches Bier» meinen Gästen offerieren werde. Denn es schmeckt nach Belgien, nach Trappistenbier, und selbst der Kandiszucker fehlt nicht.

Text: Werner De Schepper

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Werner De Schepper
Der Co-Chefredaktor der «Schweizer Illustrierten» ist Belgier, katholischer Theologe und Mit­eigen­tümer eines Restaurants.

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