100-Jahr-Jubiläum

Frauen für die Gemeinschaft

Die Präsidentin Amanda Ehrler und die Geschäftsführerin vom Katholischen Frauenbund Zürich Barbara Acklin blicken zum 100-Jahr-Jubiläum ihres Vereins vor allem nach vorn.

Amanda Ehrler, Sie haben geschrieben: «Wir stehen wie an einem Übergang von religiös Gewohntem zu einem Neuentdecken dessen, was an unserem christlichen Glauben wesentlich ist.»
Amanda Ehrler:
Das ist eines meiner zentralen Anliegen. Ich will die Frauen ermutigen, ihrer Spiritualität in der Pfarrei Ausdruck zu geben.

Weshalb engagieren Sie sich im Zürcher Frauenbund?
Ehrler:
Ich finde es spannend und sinnvoll, mich für Frauen einzusetzen. Ihre Themen, Anliegen und Stimmen werden noch immer nicht gleichwertig mit jenen von Männern wahrgenommen.

Nur in der Kirche oder auch in der Gesellschaft?
Ehrler:
Auch in der Gesellschaft. Als Präsidentin des Zürcher Frauenbunds will ich die Frauen stärken und ihnen bewusst machen, wo wir stehen.

Was sind die Erfolge in der Geschichte Ihres Verbands?
Ehrler:
Es war enorm wichtig, dass die Frauen überhaupt zusammenfanden und füreinander einstanden. Zu Beginn ging es um Alltagsfragen wie Erziehung oder Kochrezepte. Später wollte man gemeinsam auch für andere Frauen sorgen. Dies geschah und geschieht auf internationaler Ebene im Elisabethenwerk, auf nationaler Ebene im Solidaritätsfonds für Mütter und Kinder – und in Zürich bei unserer Beratungsstelle Tandem.

Und was ist die Rolle des Kantonalverbands?
Barbara Acklin:
Wir unterstützen die örtlichen Frauenvereine. Und wir bilden eine Schnittstelle zwischen ihnen und dem nationalen Dachverband, dem Schweizerischen Katholischen Frauenbund. Zudem schaffen wir mit unseren Veranstaltungen Plattformen für Gemeinschaftserlebnisse. Das Erleben von Gemeinschaft, Alltagsspiritualität und die Beziehungen, die an unseren Anlässen entstehen, sind wichtig angesichts der gesellschaftlichen Entwicklung.

Wo gab es Niederlagen?
Ehrler:
Es gibt eine Entwicklung, die wir aber nicht als Niederlage ansehen, sondern als Prozess der Veränderung: Wir lösen Jahr für Jahr etwa zwei Ortsvereine auf. Meist handelt es sich um funktionierende Vereine, in denen sich aber niemand für die Vorstandsarbeit einsetzen will. Der Prozess hat auch mit den gewandelten Kirchenstrukturen zu tun. Heute arbeitet in jeder Pfarrei ein Team von bezahlten Angestellten. Sie übernehmen die Arbeit, welche die Frauen früher freiwillig leisteten. Schade ist, dass die Frauen dadurch ein Feld vielfältigen Wirkens aufgeben.
Acklin: Bei der Auflösung von Frauenvereinen übernehmen wir vom Verband die Begleitung des Prozesses. Es ist wichtig, zu einem guten Auflösen zu finden.

Was bringt der Frauenbund den Frauen?
Acklin:
Unsere Veranstaltungen sind sehr gut besucht. Sie entsprechen also einem Bedürfnis. Und von den Ortsvereinen werden wir als Unterstützerinnen wahrgenommen.

Ihr Verband will die persönliche, christliche, staatsbürgerliche und kulturelle Bildung der Frauen fördern. Wie tun Sie das?
Acklin:
Wir veranstalten Weiterbildungen für Vorstandsfrauen – dies gemeinsam mit dem Dachverband. Diese behandeln etwa das Revisorinnenamt, den Social-Media-Auftritt, die Kommunikation. Wir führen auch drei Besinnungstage pro Jahr durch und organisieren kulturell-spirituelle Anlässe wie Stadtrundgänge, Klosterbesichtigungen, Referate.
Ehrler: Das politische Engagement verändert sich je nachdem, wer den Verband führt. Die frühere Leitung war sehr engagiert, wir weniger.
Acklin: Unser nationaler Dachverband hat sich das Thema Politik auf die Fahne geschrieben. Wir schliessen uns seinen Statements an und verbreiten sie. Zudem arbeiten wir mit der politisch aktiven Zürcher Frauenzentrale zusammen.

Auch die Gleichstellung von Frau und Mann ist ein Verbandsziel. Der Zürcher Frauenbund ist aber als Gegenbewegung zur Frauenstimmrechtsbewegung entstanden. Wo hat sich das Rad gedreht?
Ehrler:
In den Anfängen meinten die katholischen Frauen wohl: Wir müssen die Kirche retten. Heute ist von dieser Haltung überhaupt nichts mehr spürbar.
Acklin: Das änderte sich rasch. Unsere Vorgängerinnen kamen zum Schluss: Wir haben die gleichen Anliegen.

Die Gleichstellungsfrage ist nach wir vor heikel.
Ehrler:
Daran leide ich unendlich. Es gibt Pfarreien, in denen eine Frauengruppe eine Liturgie gestalten konnte. Dann kommt ein anderer Pfarrer und die Sache ist vom Tisch. Es tritt wieder das priesterlich-männliche Bild hervor, das zeigt: Ich habe das Sagen. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil waren wir da viel weiter als jetzt.

Findet in der Kirche ein Backlash statt?
Ehrler:
Ja, es geht stetig rückwärts. Der Prozess läuft aber fast unmerklich. Rede ich in Gremien mit Männern darüber, fühle ich mich oft nicht verstanden.
Acklin: Wegen des Priestermangels werden Geistliche aus anderen europäischen Ländern berufen. Teilweise bringen sie Rollenbilder mit, mit denen wir schon lange abgeschlossen haben. Für Frauen ist es schwierig, sich dagegen zu wehren. Sie wollen mit ihrer Kritik ja nicht gleich die Kirche in Frage stellen.
Ehrler: Unsere Vorgesetzten müssten Priester und Laien in gleicher Weise zu einem guten Miteinander begleiten. Doch aktuell erhält bei Konflikten zwischen einem Pfarrer und einem Laiengremium der Pfarrer Recht. Es heisst: Seid froh, dass ihr überhaupt einen Pfarrer habt. Dies spaltet oft auch Frauengruppen.

Spielt die konservative Ausrichtung des Bistums Chur eine Rolle?
Ehrler:
Teilweise, aber auch das Generalvikariat könnte in dieser Frage mutiger vorgehen.

Wie stehen Sie zur Bistumsfrage: Soll es ein Bistum Zürich geben?
Ehrler:
Ich finde die Diskussionen um ein Bistum Zürich unnötig. Wir haben wichtigere Themen, für die wir uns einsetzen sollten, etwa die Gleichwertigkeit von Mann und Frau. Übrigens würde ein Bischof in Zürich die Sache verschlimmern, wenn er von der Art von Vitus Huonder oder Wolfgang Haas wäre.

Was ist Ihr Wunsch für die nächsten 100 Jahre?
Ehrler:
Dass die Frauen sich in ihrem Christsein, in ihrem ganzheitlichen Menschsein neu entdecken und sich untereinander und für die Gesellschaft ins Spiel bringen.
Acklin: Ich wünsche, dass es wieder salonfähig wird, Grundwerte zu leben.

Text: Regula Pfeifer, freie Journalistin

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Der Katholische Frauenbund Zürich (KFB) wurde 1919 gegründet. Ihm sind 42 Frauenvereine und Frauengemeinschaften mit insgesamt über 5500 Mitgliedern angeschlossen. Der KFB ist als Kantonalverband dem Dachverband Schweizerischer Katholischer Frauenbund SKF angeschlossen.

www.frauenbund-zh.ch