Voluntourismus

Kritisch zu prüfen

In fernen Ländern Kinder betreuen oder ein Korallenriff putzen: ­Die Verbindung von Tourismus und ehrenamtlichem Kurzzeiteinsatz boomt.

forum: Immer mehr westliche Touristen arbeiten in den Ferien in Entwicklungsländern. Wie sinnvoll ist Voluntourismus eigentlich?
Christine Plüss:
Während wir freiwillige Langzeiteinsätze, wie sie Nichtregierungsorganisationen bieten, begrüssen, stehen wir kurzen Freiwilligeneinsätzen auf Reisen kritisch gegenüber. Natürlich können auch sie Menschen, die neugierig auf fremde Länder und Gesellschaften sind, wertvolle Erfahrungen ermöglichen. Es lauern jedoch Gefahren.

Nennen Sie mir die wichtigsten.
Viele Projekte stellen sich nur für Freiwillige zur Verfügung, weil sie hoffen, damit neue Einnahmen oder Spenden zu generieren. Damit dominiert die Nachfrage der Freiwilligen über die Bedürfnisse vor Ort. In Kurzzeiteinsätzen können Laien ausserdem oft wenig bewirken. Zudem ist für sie das Potenzial für Enttäuschungen gross: Vielfach bietet ihnen das Projekt keine sinnvolle Arbeit oder sie werden anders eingesetzt als vereinbart.

Bei vielen Veranstaltern wird Voluntourismus als Form des nachhaltigen Reisens beschrieben.
Die wenigsten Anbieter jedoch haben ein implementiertes Umwelt- und Sozialmanagement oder verfügen über eine unabhängige Nachhaltigkeitszertifizierung. Aussagen zum Sozial- oder Umweltengagement sind meist nicht unabhängig überprüft worden. Zudem liegen die meisten Voluntourismus-Angebote im Langstreckenflug-Bereich und haben daher eine negative Wirkung auf die Klimabilanz.

Die Arbeitseinsätze sind auch nicht gratis.
Dass Freiwilligeneinsätze etwas kosten, finde ich richtig. Schliesslich muss die Person vor Ort eingearbeitet und betreut werden. Interessierte sollten jedoch sicherstellen, dass das Geld nachhaltig dem Projekt zugutekommt und nicht nur Vermittlungsgebühren deckt.

Was raten Sie angehenden Voluntouristen?
Informieren Sie sich im Vorfeld genau über das Projekt, um beurteilen zu können, ob das Angebot seriös und nachhaltig ist.
Überlegen Sie, für welche Aufgaben Ihre Fähigkeiten geeignet sind, und seien Sie gewillt zu lernen.
Prüfen Sie Ihre Motivation und bereiten Sie sich gezielt auf Ihren Einsatz vor.
Meiden Sie Waisenhäuser: Oft leben dort Kinder, die keine Waisen sind und nur aus Profitgier dorthin verschleppt wurden. Zudem besteht die Gefahr, dass sie durch die unvermeidbare Trennung bei Ihrer Abreise traumatisiert werden.
Lassen Sie sich nicht auf die Handaufzucht vermeintlich ausgesetzter Löwenbabys ein: Sie werden später nicht ausgewildert, sondern zu Trophäen in der Gatterjagd.

www.fairunterwegs.org

Text: Pia Stadler

Angebot laufend

Christine Plüss ist Geschäftsführerin des Arbeitskreises Tourismus und Entwicklung in Basel.