Schlusstakt: Narrenschiff

Mein Migrationshintergrund

Zwischen dem Nationaltrauertag – Ausscheiden an der WM – und dem Nationalfeiertag haben wir uns wieder mal eine schweizertümliche Debatte geleistet.

Besonders vorsichtige Menschen fragen mich manchmal, ob mein Familienname tessinerischen Ursprungs sei. So kann man sich geografisch vortasten, ohne auch nur den geringsten Verdacht der Fremdenfeindlichkeit zu erwecken.

Aber es verhält sich halt doch italienisch. Und weil erst mein Vater eingebürgert wurde, werde ich statistisch sogar als Schweizer mit Migrationshintergrund geführt. Das ist allerdings nur die eine Halbwahrheit. – Die andere besteht darin, dass bereits mein Urgrossvater vor über hundert Jahren in die Schweiz kam und sein Urenkel zwar noch Binotto heisst, aber nicht mehr italienisch kann und sich lieber im Norden als im Süden rumtreibt.

So funktioniert also die Unterwanderung der Schweiz: Der Urgrossvater schleicht sich als Gastarbeiter ein, was entspannt klingt und so gar nicht nach Armut und Existenzangst. Der Grossvater tschinggt sich bis zum Schichtarbeiter in der Kartonfabrik hoch und zum Flickschuster. Heiratet listig eine wankelmütige Schweizerin und dazu noch eine Protestantin. Schmeichelt sich beim echten Schweizervolk ein, indem er vorgibt, den Schwingsport zu lieben, Männerchor und Volkstheater.

Dann aber greift er kühn nach dem Bildungssystem und lässt einen seiner Söhne Lehrer werden, wobei er – raffinierter Fuchs – auf staatliche Unterstützung verzichtet, um nicht den Verdacht von Infiltration zu erwecken.

Sein Lehrersohn schliesslich treibt die Täuschung auf die Spitze, reist mit seiner Brut kein einziges Mal nach Italien und konstatiert beim Achtelfinale der Schweizer, dass die Spieler so unschweizerische, ja nicht einmal tessinerische Namen tragen.

Die dritte Halbwahrheit geht so… obwohl ich weiss, dass es mehr als die ganze Wahrheit nicht gibt… aber solange mich unfehlbare Statistiken als «Schweizer mit Migrationshintergrund» führen… die dritte Halbwahrheit also geht so: In Wahrheit sind es nicht die hinterhältigen Italiener und andere Migranten, welche die Schweiz im letzten Jahrhundert umgekrempelt haben. In Wahrheit hat die Schweiz die Migranten umgepolt. Mit Werten so stark, dass irgendwann die Migranten tief seufzend ihren Widerstand aufgegeben und sich ins Schweiztum geschickt haben. Und dann auch gutschweizerisch spätestens im Achtelfinale rausfliegen.

Wenn jedoch urdümmliche Schweizer über fehlende Loyalität von Tschinggen und anderen Halbschweizern schimpfen, kann es passieren, dass im Urenkel der letzte Hauch von Italiener mit einem rebellischen «Va, pensiero» seine Anerkennung einfordert.

Text: Thomas Binotto