Stolpersteine: Ritual

Verborgenes spürbar machen

Die Nationalhymnen vor einem WM-Match, die brennende Kerze auf dem Frühstückstisch, das Feuerwerk am 1. August – zu besonderen und alltäg­lichen Anlässen und Zeiten vollziehen wir Rituale. Besonders Übergänge rufen nach einer Gestaltung durch Rituale.

An biographischen Übergängen werden diese symbolisch verdichtet und rituell vollzogen. Der vorangehende Lebensabschnitt der Berufstätigkeit wird bewusst abgeschlossen, der neue der Pensionierung begonnen. Das gibt Sicherheit in einem diffusen Zustand des Schon und Noch-nicht.

Die sich wiederholenden Übergänge im Alltag können durch Rituale hervorgehoben werden. Der Tag erhält so Struktur. Die Siesta mit anschliessendem Kaffee und etwas Süssem grenzt den Vormittag vom Nachmittag ab und verbindet sie gleichzeitig.

Die Übergänge im Jahreskreis und im Kirchenjahr sind ebenfalls durch eine Vielzahl von Ritualen geprägt: Geburtstagskuchen und «Happy Birthday» zum Beginn eines neuen Lebensjahres, Adventskranz und -kalender zum Beginn eines neuen Kirchenjahres.

Rituale können säkular oder religiös geprägt sein. Sie sind zwar klar festgelegt und definiert, können aber auch gestaltet, sogar verändert werden. Vor allem leben sie von der Wiederholung. Sie sind jedoch mehr als einfach eine Gewohnheit. Hinzu kommt die symbolische Bedeutung, der höhere Sinn. Wenn ein Paar sich jeden Sonntagabend bei Kerzenlicht und einem Glas Wein Zeit nimmt für ein Gespräch über sich selbst, dann liegt der höhere Sinn in dieser besonderen Beziehungsarbeit, in der die beiden die vergangene Woche Revue passieren lassen und auf die kommende Woche vorausschauen.

Das religiöse Ritual definiert sich dadurch, dass es eine Verbindung zum Göttlichen herstellt. Im christlichen Kontext steht jedes Ritual direkt oder indirekt in Verbindung zum zentralen Ritual, das den Übergang vom Tod zur Auferstehung Jesu Christi feiert: zur Osterliturgie. Wie ein Sakrament muss ein christliches Ritual sinnlich wahrnehmbar sein, durchsichtig das Irdische mit dem Göttlichen verbinden und auf einen christlichen Glaubensinhalt hinweisen. Durch das Ritual wird die verborgene Wirklichkeit in der erfahrbaren Wirklichkeit gegenwärtig.

Ein schönes Ritual, das am 15. August, am Fest der Aufnahme Marias in den Himmel, begangen wird, ist die Kräuterweihe. Das Ritual beschränkt sich nicht auf die Segnung der Kräutersträusschen. Es beginnt bereits beim Sammeln der Pflanzen.

Text: Alexandra Dosch, Diözesane Fortbildungsbeauftragte