Stolperstein: Erfahrung

Anfang des Glaubens

Das Wort «Erfahrung» ist einer der spannendsten Begriffe des Glaubens. Ich lese es auf drei Ebenen:

Zuerst ist Erfahrung einfach ein Wort des täglichen Lebens. Ich erfahre, also ich «höre» von einem schweren Unfall, bei dem ich nicht anwesend war. Zweitens hat «erfahren» etymologisch etwas mit «fahren, reisen, durchwandern» zu tun. Gerade jetzt in den Ferien lerne ich andere Länder, Dinge und Menschen kennen. Was ich unterwegs erfahre, macht mich «bewandert». Drittens ist es gleichbedeutend mit «fühlen» und «erleben»: Ich stehe etwa in der Zürcher Kunsthalle vor dem Gemälde «Le Christ endormi pendant la tempête» (Der schlafende Christus im Seesturm) von Eugène Delacroix (1853) und mache die ästhetische Erfahrung, dass ich als glaubender Mensch, so wie Jesus, immer noch mehr auf Gott vertrauen könnte.

Am Anfang des Glaubens steht nicht die Religion, nicht die Kirche, nicht die Theologie, sondern die individuelle Erfahrung. Diese ist Selbstzweck und niemand zu Diensten. Eigentlich gibt es im Zentrum der religiösen Erfahrung keine Reflexion. Das wussten die jüdischen Chassidim ebenso wie Bruder Klaus und andere christliche Mystiker. Weil der durchschnittliche Mensch seine Glaubenserfahrungen auf Dauer aber nicht für sich behalten kann, braucht er die Kommunikation. Sie wird strukturiert durch die Vernunft und bildet zusammen mit all unseren Sinneskräften die Begriffe, mit denen wir uns anderen mitteilen. Die Vernunft wird so zur wichtigsten Partnerin des Glaubens. Sie erklärt (Logos) und sie erzählt (Mythos) von Glaubenserfahrungen, die Menschen von Anfang an mit Gott gemacht haben. So entstehen die Geschichten der Bibel, die nichts anderes sind als erzählte Erfahrungen mit Gott.

Ich definiere Glauben im Sinne von Hans Joas gerne als Erfahrung der Selbsttranszendenz. Um diese Erfahrung zu machen, muss ich nicht Christ sein. Auch der militanteste Atheist weiss, was ein tief sitzendes Vertrauensgefühl ist. Aber ich bin dankbar, dass mir meine christliche Religion, speziell in ihrer katholischen Ausprägung, einen Rahmen bereitstellt, um bestimmte religiöse Erfahrungen erst machen zu können: Überall auf der Welt Kerzen anzünden, Heilige für jede Gelegenheit haben oder herzlich über Katholikenwitze lachen können: «Warum gehen katholische Pfarrer so ungern ins Schwimmbad? Eine falsche Bewegung und alles ist Weihwasser…!» Erfahrung ist einer der spannendsten Begriffe des Glaubens, hab ich Recht?

Text: Christian Cebulj, Professor für Religionspädagogik und Katechetik