Offener Brief

Die Kirche ist keine Geisel

In einem offenen Brief reagieren Generalvikar, Synodalratspräsidentin und Synodenpräsident auf einen Gastbeitrag in der NZZ, in dem Martin Grichting faktisch die Aufhebung der staatskirchenrechtlichen Strukturen gefordert hatte.

Sehr geehrter Generalvikar Grichting

Ihre Position zu den staatskirchenrechtlichen Strukturen im Kanton Zürich ist hinlänglich bekannt und in dieser Zeitung [gemeint ist die NZZ] schon mehrfach dokumentiert worden.

Wir weisen nur ergänzend darauf hin, dass es die katholische Bevölkerung war, die mit kräftiger Unterstützung des damaligen Generalvikars Alfred Teobaldi und mit ausdrücklicher Zustimmung des damaligen Bischofs von Chur zu dieser Struktur ja gesagt hat. Der Kanton Zürich hat also nicht den Katholiken die staatskirchenrechtlichen Strukturen aufgezwungen, sondern das Kirchenvolk und die damaligen Verantwortungsträger der Kirche wünschten diese Struktur.

Was uns aber erstaunt, ist die Tatsache, dass das «Vademecum für die Zusammenarbeit von katholischer Kirche und staatskirchenrechtlichen Körperschaften in der Schweiz» aus dem Jahre 2012 für Sie offensichtlich zum Altpapier gehört. Sie selbst, Herr Generalvikar Grichting, haben an diesem Grundlagenpapier als Experte mitgearbeitet und alle Bischöfe haben es einmütig verabschiedet. In diesem Dokument bekräftigen die Bischöfe ihre Zustimmung und ihren Willen zur Zusammenarbeit mit den staatskirchenrechtlichen Institutionen. Das Dokument mahnt auch Verbesserungsvorschläge an für das duale System, die durchaus überlegenswert sind. Aber eine Totalopposition, wie Sie sie betreiben, widerspricht dem Geist und dem Text dieses Vademecums.

Die katholische Körperschaft wird sich weiterhin bemühen, in ihren demokratisch legitimierten Gremien, im Synodalrat, in der Synode und in den Kirchenpflegen Voraussetzungen für eine lebendige Kirche zu schaffen. […]

Dass die katholische Kirche im Kanton Zürich wegen der staatskirchenrechtlichen Strukturen weniger lebendig sein sollte als z. B. die katholische Kirche in Genf, die nicht öffentlich-rechtlich anerkannt ist und die deshalb ohne Kirchensteuern auskommen muss, können wir nicht feststellen. Wohl aber wissen wir, dass jeder Franken der Zürcher Katholiken in Genf willkommen ist. […]

Vielleicht hätten Sie sogar Interesse, einmal an einer Synodensitzung bei uns in Zürich teilzunehmen? Dort können Sie sich ein wirklichkeitstreues Bild davon machen, dass demokratische Mitbestimmung und katholischer Glaube kein Widerspruch sind, sondern fruchtbare und lebendige kirchliche Realität.

Josef Annen
Generalvikar für Zürich und Glarus
Franziska Driessen-Reding
Präsidentin des Synodalrates (Exekutive)
Alexander Jäger

Präsident der Zürcher Synode (Legislative)


Kommentar


Das curiensische Pferd

Der Gastbeitrag von Martin Grichting in der NZZ kommt betont modern daher und scheint ganz einem pluralistischen Verständnis der heutigen Gesellschaft verpflichtet. Er suggeriert: Die Verbindung von Staat und Gesellschaft sei ein alter Zopf, der endlich zu den historischen Akten gelegt werden solle.

Tatsächlich kann man Grichting in seiner Argumentation so weit folgen, als die veränderte Demografie der Schweiz Fragen aufwirft: Der Rückgang der Mitgliederzahlen bei den traditionellen Kirchen, die Zunahme von konfessionslosen Bürgern sowie der Umgang mit dem Islam fordern Zivilgesellschaft und Staat heraus.

Dennoch ist Martin Grichtings Gastbeitrag ein trojanisches Pferd, weil er nicht klar benennt, worum es wirklich geht. Denn es geht weder um Moderne noch um Pluralismus, sondern ganz allein um die Machtfrage in der Römisch-katholischen Kirche. Daraus soll eine straff hierarchisch geleitete, klerikale, von Männern monarchistisch regierte Kirche werden. An Stelle des breiten Tors der Volkskirche soll eine schmale Pforte für die wirklich katholischen Katholiken entstehen.

Dafür ist Grichting sogar bereit, die katholische Kirche des Mittel­alters leichtfertig und historisch sträflich undifferenziert zu diskreditieren – wohlwissend, dass die zentralistisch-monarchistische Organisation der katholischen Kirche eben nicht urchristlich ist, sondern ein Produkt des 19. Jahrhunderts. Wenn er die Kirche kurzerhand zur Geisel des Staatskirchentums erklärt, dann ist das schlicht und einfach Geschichtsklitterung.

Die beschworene Distanz zur Politik ist doppelzüngig. Wenn es dem Ordinariat in Chur passt, dann mischt es in der Politik sehr wohl mit. Martin Grichting selbst ist zumindest im bürgerlichen Lager bestens vernetzt, wie die Vernissage seines neusten Buches zeigt, bei dem CVP-Präsident Gerhard Pfister, FDP-Präsidentin Petra Gössi und SVP-Nationalrat Gregor Rutz ihre Aufwartung machten.

Auch wenn es darum geht, das bischöfliche Geviert in Chur zu restaurieren, hält man es mit der reinen Lehre nicht so strikt. Dann greift man gerne auf die Geldtöpfe der eben noch zum Abriss freigegebenen Strukturen zurück. Wie sagten schon die alten, unchristlichen Römer: Geld stinkt nicht.

Text: Thomas Binotto