Editorial

Eine wundersame Begegnung

In der Hitze dieses Sommers hab ich mein persönliches Faultier entdeckt.

Als ich vor Jahren in den Regenwäldern Mittelamerikas das erste Faultier aus der Nähe sah, war ich überrascht. 

Der braun-beige Fellknäuel, der an langen Armen und Beinen vom Ast hing, hatte etwas Befremdliches. In Zeitlupe pflückte er sich Blatt um Blatt, um dann während einer gefühlten Ewigkeit daran zu kauen. Slow Motion pur. Die Szene schien surreal – sie blieb mir in Erinnerung. 

Das Faultier ist der Inbegriff der Langsamkeit. Der französische Naturforscher Georges-Louis Leclerc de Buffon hatte es im 18. Jahrhundert zum ersten Mal beschrieben. Die Langsamkeit sah er als Zeichen grosser Dummheit. Nur ein einziger weiterer Makel, schrieb er, würde seine Existenz ganz und gar verunmöglichen.

Heutige Biologen sind begeistert vom Faultier – gerade wegen seiner Langsamkeit. Diese ist eine extreme Anpassung an eine Diät, die aus schwer verdaulichen, nährstoffarmen Blättern besteht. Um davon leben zu können, haben die Tiere ihren Energiebedarf runtergeschraubt. Die Langsamkeit ist ihre Strategie.

Nun ist meine Diät ja eher hochkalorisch, doch an der Strategie der Langsamkeit finde ich trotzdem Gefallen. Als Gegenmittel zu Temporausch und Multitasking und der daraus resultierenden Atemnot.

Kurz nach Sonnenaufgang über den Zürichsee paddeln; mich abends mit Freunden auf ein Glas Wein verabreden; und dazwischen ganz viel Zeit, den Augenblick zu geniessen. Das werde ich mir nun vermehrt gönnen.

Natürlich mischen sich immer mal wieder Zweifel ein: Kann ich es mir denn überhaupt leisten, langsam zu sein? Beherzt auf die Bremse zu treten, wenn andere beschleunigen? «Nein», schreit die Gewohnheit. «Und ob», flüstert die Seele.

Ich liebe Tiere. In diesem Sommer ganz speziell mein eigenes Faultier. Es ist ein Geschenk.

Text: Pia Stadler