Schlusstakt: Gedanken zu Maria Himmelfahrt

In die Tiefe, ans Licht

Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel oder, landläufiger: Mariä Himmelfahrt. Schön klingt der Name für den Tod der Mutter Jesu.

Nach oben geht es: Verortet wird das Ereignis nach katholischer Tradition oben, auf dem Zionsberg und der dortigen Benediktinerabtei «Dormitio», nach der «Entschlafung Mariens» benannt.

Doch wie so oft bietet das Heilige Land für wichtige Glaubensereignisse mehr als eine Verortung.

Wer Mariens Tod und der anschliessenden Aufnahme in den Himmel in orthodoxer Tradition gedenken will, muss tief hinabsteigen. Zunächst hinunter in das Tal Jehosaphat, an einen der tiefsten Punkte zwischen dem Ölberg und der Jerusalemer Altstadt. Dann hinein in die Kirche des Mariengrabs, und dort dutzende Stufen tief hinunter bis zum in den Fels gehauenen Grab, das nach orthodoxer Tradition noch den Abdruck des Körpers Mariens im Stein trägt.

Hier in der Tiefe der Erde, sagt die orthodoxe Tradition, lag ihr sterblicher Körper mehrere Tage, bevor sie in den Himmel geholt wurde. Die Gottesgebärerin, die, deren Leibesfrucht gebenedeit ist, wie es in althergebrachter Sprache noch heute im Ave-Maria gebetet wird, ruht wie in einer Gebärmutter, bevor Gott die Niedrige erneut erhöht: Als Erste unter den Menschen erreicht sie mit Leib und Seele die Vollendung.

Die Reise des Beters zur Tiefe des Marienfestes hat mit dem Erreichen des Grabs noch kein Ende. Im wörtlichen Sinne erniedrigt er sich vor der blumengeschmückten Marienikone, die zuvor in feierlicher Prozession durch die Altstadt in das Höhlengrab getragen und aufgebahrt wird. Er macht sich klein, um, der örtlichen Tradition entsprechend, dreimal unter der wunderwirkenden Maria hindurchzukriechen.

Dann erst steigt er langsam wieder empor. Stufe um Stufe, wie die Tradition es will, wird eine Kerze entzündet und an die Steine gelehnt. Licht und Wärme erfüllen den unterirdischen Kirchenraum, an dessen Ende gleissendes Sonnenlicht durch die einzige Öffnung fällt. Aus der Tiefe des Mariengrabes geht es dem Licht entgegen zurück ins Tal Jehosaphat, das Tal des Gerichts, durch das nach jüdischer Tradition der Messias kommen und durch das Goldene Tor nach Jerusalem einziehen wird.

Text: Andrea Krogmann