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Ohne Licht kein Raum

Kein zeitgenössischer Architekt hat mehr Gotteshäuser gebaut als Mario Botta. Im Spiel von Licht und Schatten schuf der Tessiner einprägsame Räume offener Spiritualität. Eine Begegnung.

In seinem Studio in Lugano nimmt sich Mario Botta Zeit für ein Gespräch über seine Leidenschaft: die Architektur im Allgemeinen und den Bau von Gotteshäusern im Besonderen. «Meine Arbeit an Kirchen hat mir geholfen, zu den wesentlichen Werten der Baukunst zurückzukehren: Schwerkraft,  Licht, Materialien und Formen – alle so strukturiert, dass sie einen Dialog schaffen.  Alles Unwesentliche muss entfernt werden.  Das ist gleichermassen eine Frage der Ethik wie der Ästhetik», sagt er und verrät mit seiner Gestik südländisches Temperament.  Schnell hingeworfene Skizzen begleiten seine Ausführungen.

1943 in Mendrisio geboren, begann Mario Botta seine Ausbildung mit einer Lehre als Bauzeichner, besuchte anschliessend das Kunstgymnasium in Mailand und studierte an der Universität für Architektur in Venedig,  wo er unter anderem für Le Corbusier und Louis I. Kahn arbeitete. Seit 1970 führt er sein eigenes Architekturbüro in Lugano und hält Gastprofessuren in Europa und Übersee. Er ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder.

forum: Herr Botta, was fasziniert Sie an der Sakralarchitektur?
Mario Botta: Sakralarchitektur ist eine Architektur der Stille und Meditation. Sie kultiviert den Raum als einen Ort ausserhalb von Zeit und Alltagsgeschehen, der den Menschen mit der Unendlichkeit in Verbindung bringt und ihn am Universum misst.  Grundsätzlich wohnt jeder Architektur eine religiöse Idee inne. Bauen ist ein sakraler Akt, der einen Naturzustand in einen Kulturzustand verwandelt.

Als erstes von Ihnen entworfenes Werk entstand – Sie waren gerade mal 18 Jahre alt – das Pfarrhaus Ihres Heimatortes Genestrerio. War das der Beginn einer Liebesgeschichte mit Bauten im kirchlichen Umfeld?
Vielleicht. Eine gute Frage. Ich habe mich in der Tat, seit ich ein Knabe war, mit religiösen Themen beschäftigt. Gereift jedoch setzte ich mich mit spirituellen Fragen erst mit dem Kirchenbau in Mogno auseinander, nach 1992 also. Seither hat das Thema des Heiligen immer wieder meine Arbeit bestimmt. 

Muss ein Architekt gläubig sein, um sakrale Bauten realisieren zu können?
Um Architektur machen zu können, muss ein Architekt in erster Linie an die Architektur glauben. Die Frage nach Gott ist sehr persönlich.  Ich denke, man kann ein guter Gläubiger und ein schlechter Architekt von Sakralbauten sein und umgekehrt. Die beiden Aspekte sollten nicht vermischt werden. Schon Corbusier lehrte, die Frage nach dem persönlichen Glauben von den Anforderungen der Architektur zu trennen.

War Ihre katholische Sozialisation trotzdem wichtig für Ihr späteres Werk?
Ja. Meine christlich geprägte Bildung erlaubt es mir, tiefer in den Geist der westlichen Welt einzudringen und als Antwort adäquate Bauten zu schaffen. Die jüdische Welt ist mir fern, obwohl ich eine Synagoge gebaut habe. Und die islamische Welt bleibt mir fremd, auch wenn ich mich gerade an einem Wettbewerb um den Bau einer Moschee beteiligt habe.

Was braucht es denn, um überzeugende Sakralbauten erstellen zu können?
Nach Picasso eine Kirche zu bauen, ist ein Wagnis. Die Avantgarde des 20. Jahrhunderts hat unsere Art, die Dinge zu sehen oder uns auf Regeln der Ästhetik und der Ethik zu beziehen, grundlegend verändert. Traditionen,  Stile haben sich aufgelöst. Wir leben in einer Zeit der Widersprüche. Unterschiedliche Werte begegnen oder konkurrenzieren sich.
Sakralwerke heute zu bauen, heisst, sich diesen Widersprüchen zu stellen. Das ist eine Herausforderung. Und ein Bedürfnis: Zeugnis abzulegen vom Positiven unserer Zeit, vom Heiligen. Wir leben in einer Gesellschaft, die säkularisiert zu sein scheint, und doch wird vor allem bei den Jungen eine Suche nach geistigen Werten spürbar, ein Bedürfnis nach Spiritualität, die ihren Ausdruck nicht findet. 

Was zeichnet einen überzeugenden Sakralbau aus?
Er birgt einen Raum, der sich dem Alltäglichen entzieht, der von Licht spricht und der Möglichkeit,  die irdischen Probleme zurückzulassen. Dieser Raum des Friedens und der Harmonie erlaubt es dem Menschen, sich ganz bei sich und als Teil eines umfassenden Ganzen zu erleben. Nicht die Funktion, sondern die Symbolik schafft einen Sakralraum. Diese ist gebunden an die Gegenwart wie auch an die Vergangenheit. Jeder Kirchenbau strebt nach Dauer und Universalität.

Was zeichnet überzeugende zeitgenössische Architektur generell aus?
Gekonnte Lichtführung, die im Raum die verschiedenen Tages- und Jahreszeiten erlebbar macht und uns dadurch erlaubt, mit den natürlichen Zyklen der Welt in Bezug zu bleiben. Das Licht ist die Schöpferin des Raumes. Licht strukturiert und modelliert den Raum. Ohne Licht kein Raum. Wenn ich das Licht lösche, verschwindet der Raum.

Sie sagten einmal, erst die Architektur baue den Ort.
Ja. Der Architekt kreiert in einem undefinierten Kontext einen präzisen Ort. Bauwerk und Umgebung gehen eine Beziehung ein, die etwas Neues schafft. Sie gestalten sich gegenseitig.
Eine Kirche zum Beispiel existiert nie als abstraktes Konzept. Es gibt nur die Kirche im Kontext des Gebirges von Tamaro, des lawinenverschütteten Maggia-Tales in Mogno oder der Weltstadt Turin. Um eine Kirche zu bauen, muss ich mich zuerst mit der Umgebung auseinander setzen – geografisch, kulturell, historisch. Es gibt immer verschiedene Lesarten einer Landschaft. Folgerichtig hält sie stets mehrere Gestaltungsmöglichkeiten bereit, die sich im Zwiegespräch erschliessen. 

Was bedeutet für Sie das Sakrale und wie nähern Sie sich ihm?
Das Sakrale ist unser innerstes Bedürfnis, der Endlichkeit unseres Daseins zu entfliehen. Es ist die Suche nach einer Spiritualität, die uns in Verbindung bringt mit der Ewigkeit. Ich nähere mich dem Sakralen durch meine Arbeit, selbst wenn ich einen Stuhl zeichne. Der Stuhl hat nicht nur eine materielle,  technische Seite. Er kann uns auch an den Himmelsthron erinnern. Damit übersteigt sein symbolischer Wert die reine Form.  Das ist es, was ich an meinem Beruf liebe: die Herausforderung, die Metaphorik eines Gegenstandes oder einer Formsprache stets neu überdenken zu müssen. Die Funktionalität zu überschreiten und das Gültige zu suchen.

Sakrale Architektur gilt als eine der wenigen gestalterisch «zweckfreien» Bauaufgaben. Wie gehen Sie mit den theologisch-liturgischen Vorgaben um?
Ich löse die mir gestellten Aufgaben…

 … Katholische Kritiker werfen Ihnen jedoch vor, nicht wirklich auf die liturgischen Bedürfnisse einzugehen.
Es gibt auch Kritiker, die mir vorwerfen, diesen Bedürfnissen zu viel Aufmerksamkeit zu schenken. Ich habe zahlreiche Gotteshäuser realisiert und einige Pläne entworfen, und jedes Mal waren die liturgischen Vorgaben anders. Es kommt immer auf die Lesart der Vorgaben ab. Wenn ich weiss, dass der Altar in der Mitte des Raumes steht, hängt viel davon ab, wie ich den Raum verstehe. Als Kirchen- oder als Weltraum? Der Architekt darf nicht einer theoretischen Regel folgen, sondern muss finden, was dem wahren Bedürfnis entspricht.  Er muss das übergeordnete Ganze im Auge behalten. Und manchmal sind es die unkonventionellen Lösungen, nach denen der sakrale Raum ruft.

Sie entwerfen auch das liturgische Mobiliar meist selbst?
Wenn immer möglich ja. Raum und Ausstattung sollten aus einem Guss sein.

Mit wenigen Materialien – Granit, Marmor, Backstein – und klaren Formen – Mauer,  Körper, Höhle, Schlitz, Bogen, Säule – schaffen Sie unverkennbare Bauten, deren Sprache intuitiv erfassbar ist. Woher stammt Ihr «Vokabular»?
Eine Sprache entsteht durch den Gebrauch. Die romanische Architektur, der ich mich sehr verpflichtet fühle, hat über Jahrhunderte nur Stein verwendet. Heute haben wir zu viele Materialien zur Verfügung. Die Herausforderung besteht darin, sich beschränken zu können.  Doch die Materialien können wechseln, sie stehen in dienender Funktion zum Raum.  Wichtiger sind mir die Formen. Kreis, Quadrat, Dreieck – Formen, die ich liebe, weil sie einfach zu lesen sind. Man muss nicht alles sehen, um zu erfassen, was es ist. Die primären, archaischen Formen sprechen direkt zum Betrachter. 

Ein Grund dafür, dass Ihre Sakralbauten sowohl bei Gläubigen wie bei Architekturliebhabern auf grosse Resonanz stossen?
Davon gehe ich aus. Wie auch immer: Der heutigen Stadt, der heutigen Zivilisation fehlt es an markanten Bezugspunkten. Wenn meine Kirchen Orientierungspunkte werden,  bin ich glücklich. 

In den letzten Jahren erlebte der Kirchenbau eine Renaissance. Was bedeutet dem Menschen Mario Botta persönlich eine Kirche?
Ich erkenne in einer Kirche eine Geschichte, eine historische Zeit, die mir als Teil meiner kulturellen Identität gehört. Betrete ich eine Bibliothek, finde ich ein Andenken an die Kultur; betrete ich ein Theater, finde ich die Welt des Imaginären; betrete ich aber eine Kirche, spüre ich die Essenz der Menschheitsgeschichte.  Ich trete ein in eine grössere Dimension. Solange es Menschen gibt, wird die Notwendigkeit bestehen, ihnen ein Haus zu geben und eine Kirche.

Auf welches Ihrer Projekte sind Sie besonders stolz?
Auf das kommende…

Ihr architektonischer Wunschtraum?
Eine Klosteranlage zu entwickeln. Das Kloster ist eine ideale Stadt. Menschen treten aus freier Wahl ein, begegnen der Liebe, der Arbeit, der Kultur, dem Licht, Gott. Die ganze Welt auf kleinstem Raum, ein Leben lang – das zu schaffen, wäre für mich das Grösste.


Mit Mario Botta hat die Architektur den Baukörper in seiner Fülle wiedergefunden. Inspiriert von der romanischen und der «volkstümlichen» Architektur sind seine Bauten kompakt, solide. Einem auffälligen Äusseren antwortet eine von wechselnden Lichteffekten beseelte Innenwelt. Die Kombination einer geometrischen, schlichten Formensprache und des subtilen Umgangs mit Licht und Schatten lässt seine massiven Baukörper erstaunlich leicht und elegant erscheinen. Sie sind modern und archetypisch zugleich, expressiv und von subtiler Symbolik.

Er habe, erklärt Mario Botta, ein laienhaftes Verständnis von Religion. Seine Sakralbauten sind fern von frömmelndem Kitsch oder stimmungslosen Mehrzweckhallen.  Dem Sakralen begegnet er mit ästhetischen Mitteln und sinnlichen Materialien. Das Ergebnis sind Räume, die jene ansprechen,  die auf der Suche nach spiritueller Erfahrung sind, unabhängig vom Glaubensbekenntnis.

Text: Pia Stadler

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Mario Botta: «Ich liebe Kirchen, weil sie einem das Gefühl geben, im Mittelpunkt der Welt zu sein.»

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Sakralbauten

Kirche San Giovanni Battista in Mogno, Tessin (1986–1996)

Pfarrkirche von Beato Odorico in Pordenone, Italien (1987–1992)

Kirche San Pietro Apostolo in Sartirana, Italien (1987–1995)

Kathedrale in Evry, Frankreich (1988–1995)

Kapelle Santa Maria degli Angeli auf dem Monte Tamaro, Tessin (1990–1996)

Pastoralzentrum Papst Johannes XXIII. in Bergamo, Italien (1994–2004)

Cymbalista Synagoge und Jewish Heritage Centre in Tel Aviv (1996–1998)

Flughafenkapelle von Mailand Malpensa  (1997–1998)

Fassade der Pfarrkirche von Sant’ Antonio Abate in Genestrerio, Tessin

Holzmodell von Borrominis San Carlino in Lugano, Tessin (errichtet 1999, 2003 wieder abgebaut)

Kapelle für die Stiftung Mite Giannetti d’Angiolo in Lucca, Italien (1999–2001)

Kirche Santo Volto in Turin, Italien (2000–2006)

Granatkapelle auf der Granatalm, Zillertal, Österreich (2011–2013) 

www.botta.ch