Schlusstakt: Wortbilder

Feindseligkeit

Mit Seligkeit beschreiben wir ein Hochgefühl. Einen Moment, in dem wir mit uns und dem Leben im Reinen sind. Wie um alles in der Welt gerät dieses Gefühl in die Nähe unserer Feinde?

Wenn wir lustvoll über unsere Feinde – oder jene, die wir dafür halten – schimpfen, dann wird es manchmal hör- und spürbar, dieses selige Gefühl. Wir kosten den Triumph aus, unseren Feind durchschaut und entlarvt zu haben. Wir finden kein Ende im Schildern aller Details seiner Boshaftigkeit. Was endlich mal gesagt werden musste, das quillt in einem geradezu euphorischen Schwall aus uns heraus. Unsere Kinder sassen manchmal so sprungbereit am Tisch, dass schon Blicke für feindselige Ausbrüche sorgen konnten: «Er hät mich blöd aglueget!»

Feindseligkeit hilft – zumindest vordergründig – das Leben einfacher zu gestalten. Anstatt unendlich viele Schattierungen wahrzunehmen, die sich dann auch noch ständig verändern, nehmen wir klare und nachhaltige Bestimmungen vor: Wir ordnen die Graustufen entweder dem satten Schwarz oder dem blanken Weiss zu. Und schon gewinnt die Welt und das Leben an Konturen und Klarheit. Für einen kurzen Augenblick fühlen wir uns mit dem Leben bei aller oder gerade wegen aller Feindseligkeit im Reinen.

Es ist nicht bloss ein unfrommer Wunsch, wenn wir wissen möchten, wer unsere Feinde sind. Manchmal ist dieses Wissen sogar lebensnotwendig. Wem kann ich vertrauen? – Wem nicht? – Wer meint es gut mit mir? – Wer nicht? – Die Antwort auf diese Fragen entscheidet manchmal über Leben und Tod. Es kann gefährlich werden, wenn wir Graustufen leichtfertig zu harmlosem Weiss erklären.

Glücklicherweise ist jedoch hier auf Erden keine Seligkeit von ewiger Dauer. Sie ist meist nur ein kurzer Anflug von Klarheit. Das gilt auch für die Feindseligkeit. Wir können und sollen sie nicht festhalten. Und allzu blauäugig vertrauen sollten wir ihr auch nicht.

Das Leben lässt sich seine schillernde Farbenpracht und seine wechselnden Schattierungen nicht wegnehmen, selbst wenn es um Feindschaften geht. Wer klar zu sehen meint, der sieht manchmal auch ganz klar falsch. Schwarz und Weiss mögen in gewissen Situationen als Hilfskonstruktionen notwendig sein, aber sie stellen die Welt niemals so dar, wie sie ist.

Text: Thomas Binotto

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selig


mittelhochdeutsch sælec,

althochdeutsch sālīg,

eigentlich = wohlgeartet, gut, glücklich,

Herkunft ungeklärt