Silja Horber

Mein «Handicap» ist meine Stärke

Silja Horber ist beim Katholischen Stadtverband in Zürich als Mitarbeiterin im Sekretariat angestellt und kann dort einbringen, was gemeinhin als «Handicap» gilt, was sie selbst aber ihre «special effects» nennt.

forum: Silja, wir kennen uns aus St. Martin, als ich dort Pastoralassistentin war und du Teilnehmerin am Jugendtreff in der Pfarrei. Seither sind drei Jahre vergangen. Was ist in der Zwischenzeit passiert?
Silja Horber: Ich habe lange im ersten Arbeitsmarkt, dem sogenannt «normalen», einen Job gesucht – und fand schliesslich beim Stadtverband eine Anstellung. Dass ich hier bin, ist das Verdienst von Andreas Meile, meinem Chef, und Jeanine Merz, meinem Jobcoach. Ich bin inzwischen von zu Hause ausgezogen und wohne zusammen mit zwei jungen Kolleginnen in einer WG. Ich habe angefangen Fussball zu spielen und mache Leichtathletik im Rahmen der «Special Olympics Switzerland». Meine Freunde von damals habe ich weiterhin. Auch meine Familie unterstützt mich. Mit meinem Elternhaus habe ich extremes Glück, dafür bin ich sehr dankbar.

Du hast Arbeit gefunden beim Stadtverband. Was bedeutet es für dich, im ersten Arbeitsmarkt eine Stelle gefunden zu haben?
Es ist das Beste (lacht). Es ist immer schwierig, einen Job zu finden. Besonders wenn du eine Beeinträchtigung oder «special effects» – wie ich es lieber nenne – hast. Dann ist es viel wichtiger, dass ein Betrieb dich annimmt. Ich wollte immer, dass man mich nicht «speziell» behandelt. Ich bin zwar «special», aber ich bin auch wie alle anderen.

Kannst du von dem, was dich «special» macht, bei deiner Arbeit etwas einbringen?
Ich habe meine Begabungen, zum Beispiel im Schreiben. Ich habe im Jahresbericht geschrieben und Daniel Meier, unser Präsident, meinte: «Also du machst von jetzt an jedes Jahr den Jahresbericht!» Ich weiss nicht, ob das ganz ernst gemeint war, das sehen wir ja dann. Aber es war bestimmt als ehrliches Kompliment gemeint. Ich habe auch eine Stärke im Umgang mit Menschen, mit den Lehrlingen. Es ist mir wichtig, dass sie sich bei uns wohl fühlen. Dort, wo ich Probleme habe, hilft mir das Team. Wir arbeiten wirklich miteinander und füreinander.

Welchen Weg hast du gemacht, bis du diese Stelle gefunden hast?
Nach der Primarschule war ich vier Jahre an der Impulsschule Wurmsbach, einem Mädcheninternat in Bolligen SG bei Rapperswil, und habe dort die Sekundarschule absolviert. Es war eine Lebensschule und meine Person ist dort gereift. Dort wurde ich erwachsen. Dort lernte ich hinzustehen, meine Meinung zu sagen, vor allem auch mich zu wehren. Das ist wichtig als Frau. Danach war ich bei der Brunau-Stiftung in Ausbildung, aus dieser Zeit stammen meine allerliebsten Freunde. Dort habe ich meine Erstausbildung mit dem EBA, dem Eidgenössischen Berufsattest im KV, abgeschlossen. Schliesslich war ich dann an der Minerva-Schule Zürich und habe dort die dreijährige KV-Ausbildung mit dem B-Profil abgeschlossen.

Hast du diesen Weg so im Voraus geplant?
Die beruflichen Anforderungen steigen ganz allgemein. Mir war klar, dass ich mehr brauche als das EBA, um nachher eine Stelle zu finden. Ich konnte dann ein Praktikum am Flughafen Zürich machen. Ursprünglich wollte ich in die Tourismus-Branche, weil ich gern mit Menschen arbeite.

Und jetzt bist du bei der katholischen Kirche gelandet. Wie ist das für dich?
Es ist sicher ein Vorteil, dass ich mit der katholischen Kirche aufgewachsen bin. Zu Hause war es normal, am Sonntag in die Kirche zu gehen und den Unti zu besuchen. Wir haben den Glauben gelebt, nicht extrem, sondern auf eine moderne Art. Da bin ich meiner Mutter sehr dankbar, sie hat den Glauben für mich sehr liebenswürdig rübergebracht. Ich bin in einer Pfarrei gross geworden, in der sehr viel Wert auf Familien gelegt wird, auch auf Ministranten. Ich hab es geliebt, Ministrantin zu sein! Heute ist für mich klar: Mein Handicap ist nicht einfach etwas, worunter ich leiden muss, sondern mein Potenzial, meine Stärke. Und aus dieser Stärke muss ich etwas machen und weitergeben.

Du hast den Schritt in die Arbeitswelt und in die Selbstständigkeit geschafft. Siehst du dich als Vorbild für andere?
Das ist mein grosses Ziel. Ich steckte lange Zeit zwischen Stühlen und Bänken – nicht extrem behindert, aber auch nicht ganz gesund. Vielen anderen geht es ähnlich. Den Weg für diese ein wenig einfacher zu gestalten, das wäre mein Wunsch. Eines Tages würde ich deshalb gerne in der Arbeitsintegration arbeiten. Dort könnte ich bei Menschen etwas bewirken mit meinen Erfahrungen. Als nächsten Schritt in diese Richtung will ich mich für die Sensibilisierung einsetzen. Ende dieses Monats habe ich ein Gespräch mit der Behindertenseelsorge in Zürich, vielleicht entsteht da eine Zusammenarbeit.

In welchen Bereichen siehst du den grössten Handlungsbedarf?
Bei der Offenheit der Firmen, Menschen mit Handicap einzustellen. Wenn das nicht geschieht, scheitert es mit der Integration – da kann die Job-Coachin noch so viel machen und der Mensch noch so willig und fähig sein. Bereits in der Schule müsste angesetzt werden. Es bräuchte viel mehr Heilpädagogen. Es ist eine Illusion zu denken, man könnte alle einfach so integrieren. Es braucht die richtige Unterstützung.

Sind wir in unserer Gesellschaft gleichberechtigt?
Schwierige Frage. Wir sind auf einem guten Weg, aber es braucht noch sehr viel. Es geht mir nicht nur um die Gleichberechtigung zwischen Menschen mit und ohne Handicap. Es geht auch um Gleichberechtigung im Job, die Lohngleichheit für Frauen und Männer zum Beispiel. Ich denke, in Sachen Integration ist die Schweiz ein sehr vorbildliches Land. Viele setzen sich hier ein, wie beispielsweise die Behindertenseelsorge, oder die Pro Infirmis und andere.

Was ist dein grösster persönlicher Wunsch?
Gesund zu bleiben. Ich wünsche mir eine Familie. Das ist, glaube ich, das Grösste!

Und für die Gesellschaft?
Mehr Friede, mehr Liebe, mehr miteinander schaffen und nicht gegeneinander.

Und die Kirche?
(lacht) Darf ich ganz ehrlich sein? Den Zölibat abschaffen! Jeder Mensch soll seine Sehnsüchte leben dürfen. Dazu kommt die Akzeptanz: Handicapierte Menschen sind in der Kirche sehr oft gut aufgehoben, aber ich denke an alle, zum Beispiel auch an Homosexuelle, an Geschiedene. Wenn wieder mehr Menschen eine Chance haben sollen, zum Glauben zu finden, muss sich die Kirche allen Menschen öffnen.

Text: Veronika Jehle

Angebot laufend

Als Silja Horber vor bald 26 Jahren geboren wurde, war sie ein gesundes Baby. Aber an ihrem dritten Lebenstag erlitt sie eine Hirnblutung. Seither lebt sie mit einer Zerebralparese, einer Schädigung der linken Gehirnhälfte. Schwierig sind für sie die Koordination, der Orientierungssinn und das Gleichgewicht, räumliches Sehen. Sie hat Mühe mit Zahlen. Sichtbar ist ihr Handicap beim Laufen und an der Bewegung ihrer linken Hand.