Grüne Oase

Garten-Evangelisation

Am Zürcher Central erstreckt sich auf dem Hügel zur Polyterrasse eine grüne Oase. Von aussen erahnt man den Garten kaum. Unter Studenten ist er allerdings kein Geheimtipp mehr, obwohl vielen nicht bewusst ist, dass er zum aki gehört.

Mancher benutzt Garten und Haus einfach als schnellsten Durchgang von der Polyterrasse zum Central. Die kleinen Inseln inmitten des wild-zahmen Grüns und der Ausblick über die Dächer der Stadt laden aber auch die unterschiedlichsten Menschen zum Verweilen ein.

Neben den Studenten, unter denen sich der Garten mittags quasi zum Fortsatz der Poly-Mensa verwandelt, flanieren hier auch die Mitarbeiter der umliegenden Häuser, verlorene Touristen, und mit Einbruch der Dämmerung nistet sich mehr und mehr eine alternative Szene ein, welche die Abgelegenheit des Ortes sucht.

Für Franz-Xaver Hiestand ist der Garten «der wertvollste Raum, den wir haben. Er ist aber auch eine Aufgabe.» Ein öffentlicher, diskreter Raum in Bahnhofsnähe könne in kürzester Zeit zum Platzspitz-Epigonen mutieren. «Ein Garten per se ist aber schon etwas, das den Frieden fördert.» Er bietet der Öffentlichkeit kultivierten Naturraum mitten in der Stadt und ist ein Ort der Begegnung für all die unterschiedlichsten Menschen.

Dadurch hat der Garten das Potenzial, ein einladendes und (menschen-)freundliches Gesicht der Kirche zu repräsentieren. Damit er nicht neutraler öffentlicher Raum bleibt, sucht Hiestand mit den Besuchern Kontakt. Das scheint zu funktionieren. Zur Abfallhalde und Drogenstätte wurde der Garten nie.

Viele haben durch ihren Gartenaufenthalt schon zu anderen Angeboten des Hauses gefunden. Diese unaufdringliche Missionsarbeit nennt der aki-Leiter schmunzelnd «Garten-Evangelisierung». 

Vor einem Jahr hat Martin Föhn, junger Jesuit und damaliger Mitarbeiter am aki, mit dem Holzschnitzer Tobias Eichhorn einen Skulpturenweg im Garten initiiert, der dieser «Evangelisierung» ebenfalls Rechnung trägt. Holzscheiben mit Texten, in denen der Garten aus der Ich-Perspektive mit dem Leser spricht, vertiefen die Bedeutung der Figuren:

Im Garten des aki.

Im Garten des aki. Foto: Dustin Schiele / zvg (bearbeitet)

Im Garten des aki.

Im Garten des aki. Foto: Dustin Schiele / zvg (bearbeitet)

Im Garten des aki.

Im Garten des aki. Foto: Dustin Schiele / zvg (bearbeitet)

1 | 1

Ein kleiner Rundgang.

→ In den Widersprüchen und Gebrochenheiten des Seins suche ich Spuren einer Einheit. Einer Einheit, die sich 

allen Paradoxen des Seins entzieht, die die Vielfalt, in der wir uns bewegen, zusammenhält. Eine Einheit, welche den Boden bildet, auf dem die Vielseitigkeit der Schöpfung wachsen und sich entfalten kann (…). Eine Sehnsucht zieht mich zu dieser alles umfassenden Einheit hin, doch wie kann ich ihr näher-kommen? Mir scheint, ich kann sie mit meinem Denken berühren, aber nicht fassen.

→ Vertrauen ist die Basis aller Beziehungen. Was braucht es, um eine vertrauensvolle Beziehung zur Welt, zu meinen Mitmenschen, zu mir selbst aufzubauen? Wie viel Rationalität und Abstraktion brauchen diese Beziehungen, um stabil zu werden – und wie viel Offenheit und Unvorhergesehenes vertragen sie, um nicht in starre Verplantheit zu zerfallen?

Ich versuche darauf zu vertrauen, dass etwas in mir auf das Leben ausgerichtet ist, ja zum Leben hinstrebt. Aus einer geheimnisvollen Kraft heraus wächst und gedeiht es in mir immer wieder neu. Die Sehnsucht nach Leben ist in mir, ohne dass ich es bewusst wollen müsste. Ich kann nicht genau benennen, auf was diese Sehnsucht ausgerichtet ist, aber sie gibt mir das Gefühl, nicht zufällig zu sein, sondern auf das Ziel Leben hin ausgerichtet zu sein.

→ Woher kommt die Kraft des sich ständig erneuernden Lebens? Ist der schöpferische Akt der Natur auf einen schöpferischen Gott, eine schöpferische Einheit zurückzuführen? Ein  schöpferischer Gott wirkt kreativ, dynamisch verändernd, lebendig, und das immer neu. Er ist in jedem Moment an der Arbeit, ist im Jetzt und hinterlässt seine Spuren in seiner Schöpfung. Er ist damit eine alles umfassende Wirklichkeit, in der ihr eigenes Echo resoniert. Die Kraft, die in mir widerhallt, ermöglicht es mir und dir, MitschöpferIn zu sein. Indem sie alles Geschaffene durchwirkt, ist sie in gewisser Hinsicht auch eine «Per-son» im Sinne der wörtlichen Übersetzung des lateinischen Wortes «per-sonare» – «durch-klingen».

Diese Kraft ermöglicht dem Leben Raum, in dem wir unsere unterschiedlichsten Erfahrungen machen können und wiederum unsere Spuren hinterlassen. Welche Spuren hinterlässt du in diesem Garten, in dieser Welt? Welche möchtest du hinterlassen? Als welche Per-son durchklingst du die Welt?

In Anbetracht einer sich ständig entwickelnden und verändernden Um-Welt stellt sich die Frage, wo Beständigkeit gefunden werden kann in all der Veränderung. Wo soll ich meine Wurzeln schlagen, um mich immer wieder an jene Kraftquelle anschliessen zu können? An was kann ich mich orientieren, bei all den Veränderungen und den Kurven im Leben? In Anbetracht der Vielfalt der Möglichkeiten, das eigene Leben zu gestalten, stellt sich die Frage nach einer Grundausrichtung, um handlungsfähig zu bleiben. Wonach richte ich mich aus?

→ Wonach muss sich das Individuum ausrichten, um gemeinschaftsfähig zu sein? Wonach muss sich eine Gemeinschaft ausrichten, um die Bedürfnisse der Individuen stillen zu können? Sucht Vielfalt immer Einheit, um nicht in sich selbst zu zerfallen? Wo ist eine Mitte, die die beiden Pole Vielfalt und Einheit ständig ausbalancieren, beziehungsweise zwischen ihnen vermitteln kann?

Die dreieine Flamme beleuchtet einen Weg, auf dem Vielfalt in Einheit möglich sein kann. Sie symbolisiert eine lebendige Macht, die auf verschiedene Arten erscheinen kann, als schöpferischer Ursprung, fleischgewordene Materie oder alles durchwirkender Geist. Die verschiedenen Teile bilden eine Einheit und stehen miteinander in Beziehung. Die dreieine Flamme ist ein Symbol für das Beziehungswesen, welches auch im Meditationsrad des Bruder Klaus ausgedrückt wird.

Auf dem Weg zum Ausgang kommt man an einer ehemals verwahrlosten Holzhütte vorbei, die nun als Heim für eine künstlerische Imitation jenes Meditationsrads dient. Seit Kurzem hängt hier auch eine Box mit kleinen Kunst-Büchlein zu diesen Bildern und Texten. Nehmen Sie eines mit und begeben Sie sich selbst auf Entdeckungstour durch unseren Garten!

Der Garten verabschiedet sich mit einem segnenden Schutzengel.

→ Das Wort Segnen, vom lateinischen «bene-dicere», bedeutet wörtlich «gut-sagen». Gott hat dich und mich erschaffen und wie es im Schöpfungslied der Genesis heisst, er «sah, dass es sehr gut war». Wir tragen die Verantwortung für unser Handeln und unsere Entscheidungen. Aber wohin wir auch gehen, welchen Weg wir auch wählen, Gott legt sein wohlwollendes Vertrauen in uns, dass wir gut wählen – gut für uns, gut für unsere Mitmenschen, gut für unsere ganze Um-Welt. 

Text: Silvia Berchtold

Angebot laufend

Der gesamte Rundgang durch den aki-Garten mit allen Texten von Silvia Berchtold und Fotos von Martin Föhn SJ ist im Büchlein «Man sagt über mich, ich sei eine kleine Oase inmitten der Stadt» publiziert. Dieses liegt – solange Vorrat – im aki auf.

Angebot laufend

Silvia Berchtold (28)

studierte Blockflöte an der ZHdK und arbeitet als freischaffende Musikerin und Musikpädagogin