Deutschunterricht für Migranten

In der Sprache liegt Hoffnung

Wenn Miriam Bastian für Migranten ehrenamtlich Deutsch unterrichtet, dann ist das Ausdruck eines gelebten Christentums.

«Können wir die Aufgabe noch zu Ende besprechen? – Bitte!», fragt Said*. «Ja, bitte!», stimmen 24 Kursteilnehmerinnen und -teilnehmer mit ein.

Es ist Freitagabend. Die Schülerinnen und Schüler haben bereits drei geschlagene Stunden intensiv die Wortstellung in verschiedenen deutschen Nebensätzen, Rechtschreibung und mündlichen Ausdruck geübt. Sie hätten nun eigentlich Feierabend. Dennoch scheint ihre Motivation ungebrochen. Ich kann nicht anders, natürlich sage auch ich Ja.
Während mein Moderationspartner Raphi und ich im Anschluss an die Stunde im Café der Autonomen Schule sitzen, umgeben von Kinderlachen und Essensduft, lassen wir die Deutschlektion Revue passieren. Haben alle den NZZ-Artikel verstanden, den wir gemeinsam gelesen haben? Wieso war Kardelen* heute nicht so aufmerksam dabei wie sonst?

Deutschunterricht für Migranten in der Autonomen Schule Zürich.

Deutschunterricht für Migranten in der Autonomen Schule Zürich. Foto: Christoph Wider

Dieses Engagement hat für Miriam Bastian seinen Ursprung auch im aki.

Dieses Engagement hat für Miriam Bastian seinen Ursprung auch im aki. Foto: Christoph Wider

Deutschunterricht für Migranten in der Autonomen Schule Zürich.

Deutschunterricht für Migranten in der Autonomen Schule Zürich. Foto: Christoph Wider

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Ali* setzt sich zu uns und bedankt sich für den Unterricht. Er weiss, wovon er spricht. Er war selbst Sprachlehrer in seiner Heimat. In der Schweiz darf er nicht arbeiten und sein einziger Ausweg aus der Langeweile und dem Grau der Container der Notunterkunft ist das Deutschlernen. Wir erfahren von ihm, dass Kardelen sich Sorgen macht, weil ihr nicht genügend Geld für das Essen bleibt, wenn sie sich dreimal in der Woche ein Billett kauft, um zur Autonomen Schule nach Zürich zu fahren.

Manchmal könnte ich verzweifeln an der Alltäglichkeit der Probleme, mit denen die jungen Frauen und Männer, die dreimal in der Woche in den Deutschkurs kommen, konfrontiert sind. In diesen Momenten hilft es mir, ins aki zu gehen, wo ich Freunde gefunden habe, mit denen ich solche Sorgen teilen kann, und wo ich im Gebet vor Gott neue Zuversicht finden kann.
Immer wieder halte ich mir in der Stille des Gebetes die Geschichte Israels im Alten Testament vor, die voller Fremdheitserfahrungen, Unterdrückung und Flucht ist. Oder ich lese Jesu Worte: «Ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen.»

Das aki bietet – bisher noch unregelmässig, aber in Zukunft hoffentlich verstärkt – eine Plattform, die das breite Angebot der Autonomen Schule und ähnlicher Projekte ergänzen kann. Damit die Lernenden die erlernten mündlichen Fähigkeiten erproben und vertiefen können, braucht es deutlich mehr freiwillige Muttersprachlerinnen und Muttersprachler. Im aki können Deutsch-Lernende und Deutsch-Sprechende zusammenkommen und sich austauschen.

Aktionen wie das gemeinsame Silvesteressen oder das Treffen mit Bewohnerinnen der Unterkunft Glattbrugg waren für beide Seiten eine spannende und schöne Erfahrung – für die einen ein Ausbruch aus dem Grau des Alltags, für die anderen ein Blick über den Rand ihrer scheinbar heilen Welt.

*Namen geändert

Text: Miriam Bastian

Angebot laufend

Die Autonome Schule Zürich (ASZ) ist ein basisdemokratisches und selbstverwaltetes Bildungsprojekt, an dem jeder und jede mitwirken und teilhaben kann. Das Kursprogramm kann unter folgendem Link eingesehen werden: www.bildung-fuer-alle.ch/seite/stundenplan

Angebot laufend

Miriam Bastian (29) doktoriert an der Universität Zürich im Fach Geschichte