Kommentar

Klerikalismus bekämpfen

Ein weiterer Bericht über Missbrauchsfälle erschüttert nicht nur die katholische Kirche. – Papst Franziskus prangert daraufhin unheilvolle Machtstrukturen in der eigenen Kirche an.

Die Nachricht aus Pennsylvania ist erschütternd: Ein Bericht hält fest, dass sich in den vergangenen 70 Jahren rund 300 Priester an 1 000 Kindern vergangen haben.

Papst Franziskus reagiert am 20. August in einem Schreiben schnell, unmissverständlich und ohne Ausflüchte: «Der Schmerz dieser Opfer ist eine Klage, die zum Himmel aufsteigt und die Seele berührt, die aber für lange Zeit nicht beachtet, versteckt und zum Schweigen gebracht wurde. Doch ihr Schrei war stärker als die Massnahmen all derer, die versucht haben, ihn totzuschweigen, oder sich einbildeten, ihn mit Entscheidungen zu kurieren, welche die Sache verschlimmert haben, weil sie damit in Komplizenschaft gerieten. Ein Schrei, den der Herr gehört hat. Er lässt uns wieder einmal sehen, auf welcher Seite er steht.

Der Hochgesang der Maria geht nicht fehl und durchläuft die Geschichte wie eine Hintergrundmusik weiter; denn der Herr denkt an seine Verheissung, die er unseren Vätern gegeben hat: ‹Er zerstreut, die im Herzen voll Hochmut sind; er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen. Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen› (Lukas 1,51-53). Und wir schämen uns, wenn wir uns bewusst werden, dass unser Lebensstil das verleugnet hat und verleugnet, was wir mit unserer Stimme aufsagen.»

Dass ein Papst die Hochmütigen und Mächtigen, die zu Fall gebracht werden müssen, nicht ausserhalb sondern innerhalb der Kirche ortet, das ist wohl einmalig in der Kirchengeschichte. Franziskus ist aber nicht nur schonungslos ehrlich, sondern in der Analyse auch schonungslos scharfsinnig:

«Jedes Mal, wenn wir versucht haben, das Volk Gottes auszustechen, zum Schweigen zu bringen, zu übergehen oder auf kleine Eliten zu reduzieren, haben wir Gemeinschaften, Programme, theologische Entscheidungen, Spiritualitäten und Strukturen ohne Wurzeln, ohne Gedächtnis, ohne Gesicht, ohne Körper und letztendlich ohne Leben geschaffen.

Das zeigt sich deutlich in einer anomalen Verständnisweise von Autorität in der Kirche – sehr verbreitet in zahlreichen Gemeinschaften, in denen sich Verhaltensweisen des sexuellen Missbrauchs wie des Macht- und Gewissensmissbrauchs ereignet haben –, nämlich als Klerikalismus, jene Haltung, die ‹nicht nur die Persönlichkeit der Christen zunichte [macht], sondern dazu [neigt], die Taufgnade zu mindern und unterzubewerten, die der Heilige Geist in das Herz unseres Volkes eingegossen hat›.

Der Klerikalismus, sei er nun von den Priestern selbst oder von den Laien gefördert, erzeugt eine Spaltung im Leib der Kirche, die dazu anstiftet und beiträgt, viele der Übel, die wir heute beklagen, weiterlaufen zu lassen. Zum Missbrauch Nein zu sagen, heisst zu jeder Form von Klerikalismus mit Nachdruck Nein zu sagen.»

Es geht also um ungesunde Machtstrukturen. Es geht um «Mächtige auf dem Thron», die sich Sonderrechte anmassen. Die das «einfache Volk» von oben herab betrachten. Die dermassen selbstgerecht sind, dass sie sich zugleich als Gesetzgeber und Richter sehen. Deren Ehrgeiz und Erfolgssucht jedes ihrer Mittel rechtfertigen. Um es in religiöser Sprache zusammenzufassen: Es geht um Gottlosigkeit.

Die katholische Ausformung dieser Gottlosigkeit, dieses Hochmuts heisst Klerikalismus. Franziskus ortet Klerikalismus klugerweise nicht nur bei Priestern. Zudem verwendet er das Wort «Elite» und macht damit deutlich, dass dieser Hochmut, der zu Unterdrückung und Missbrauch führt, in allen selbstherrlichen Machtstrukturen grassiert. Harvey Weinstein, Larry Nasser, Gerold Becker stehen stellvertretend dafür. Ob es also um Missbräuche in der Film- und Theaterbranche, im amerikanischen Turnverband, an der Odenwaldschule und eben auch in der katholischen Kirche geht, immer findet der Missbrauch seinen zerstörerischen Nährboden und seine unheilvollen Räume in elitären Zirkeln der Macht.

Papst Franziskus stellt zudem unmissverständlich klar: Nicht die Enthüllung der Skandale fügt der katholischen Kirche Schaden zu – der Schaden entsteht durch den Missbrauch, entsteht durch Klerikalismus. Und für Franziskus ist dieser Missbrauch ein fundamentaler Verrat am Evangelium. Er zitiert deshalb seinen Vorgänger, der bereits 2005 – damals noch als Kardinal Joseph Ratzinger – am Karfreitag gesagt hatte: «Wie viel Schmutz gibt es in der Kirche und gerade auch unter denen, die im Priestertum ihm ganz zugehören sollten? Wie viel Hochmut und Selbstherrlichkeit? Wie wenig achten wir das Sakrament der Versöhnung, in dem er uns erwartet, um uns von unserem Fall aufzurichten? All das ist in seiner Passion gegenwärtig. Der Verrat der Jünger, der unwürdige Empfang seines Leibes und Blutes, muss doch der tiefste Schmerz des Erlösers sein, der ihn mitten ins Herz trifft.»

Papst Franziskus wird selbst von seinen Unterstützern dafür kritisiert, dass er seine Mitarbeiter in der Kurie, im Bischofs- aber auch im Priesteramt immer wieder in aller Öffentlichkeit kritisiert. Besonders heftig und spektakulär 2014 mit einer Liste von 15 katholischen Krankheiten.

Franziskus wird vorgeworfen, eine sensible Führung hätte diese Kritik intern angebracht. Mit Blick auf die Missbrauchsfälle wird verständlich, weshalb Franziskus direkt die Öffentlichkeit und damit das «einfache Volk» sucht. «Intern» und «brüderlich» sind in klerikalen Strukturen faktisch Werkzeuge der Vertuschung.

Wenn Franziskus also öffentlich Kritik übt, dann ist das wohl auch ein Zeichen des Misstrauens der eigenen Organisation gegenüber, und es ist darüber hinaus ungeheuer mutig, weil er sich gegen mächtige kirchliche Kreise stellt, die von ihm erwarten, dass er – bewusst oder unbewusst – ihr Schirmherr ist und sozusagen als oberste Vertuscher fungiert.

Die Umstände und der Zeitpunkt von Papst Benedikts Rücktritt legen nahe, dass bereits er sich bewusst wurde, dass genau diese Rolle von ihm erwartet wurde, und dass er nicht bereit war, diese Rolle zu übernehmen.

Papst Franziskus geht nun noch weiter und stellt sich offen dem Kampf gegen diese klerikale Elite. Dafür nimmt er in Kauf, von diesen Kreisen bis in die Kurie hinein als Nestbeschmutzer verunglimpft und heftig bekämpft zu werden. Und sei es nur, indem man ihn mit elitärer Süffisanz einen mittelmässigen Theologen nennt und schulmeisterlich belehrt. 

Die öffentliche Kritik des Papstes am Klerikalismus innerhalb der katholischen Kirche ist also Ausdruck seiner Überzeugung, dass Gott auf der Seite der Ohnmächtigen und nicht auf der Seite der Mächtigen steht. Er sieht sich den Menschen und nicht dem Apparat verpflichtet.

Die klare Haltung und das klare Wort des Papstes ist aber auch eine dringend notwendige Unterstützung für all jene Priester, die genau wie der Papst nicht zur klerikalen Elite gehören. Und es lässt hoffen, dass er dabei in der kirchlichen Führung offenbar nicht ganz auf sich allein gestellt ist. Kardinal Sean Patrick O´Malley beispielsweise, Leiter der päpstlichen Kinderschutzkommission, veröffentlichte fast zeitgleich mit dem Schreiben von Franziskus eine Videobotschaft. O'Malley lehnt darin die Vorstellung entschieden ab, dass weiterhin ausschliesslich Kleriker die verübten Verbrechen aufarbeiten können, dass also das System einmal mehr selbst über sich richten könne. «Wir brauchen die Hilfe der Laien und ihr Engagement, um diese Geissel gegen unser Volk und unsere Kirche anzugehen.»

Text: Thomas Binotto