Glaube und Wissenschaft

…und es geht doch zusammen

Sebastián Guerrero Soriano studiert an der ETH Physik – und arbeitet Teilzeit im aki. Er beschreibt, weshalb sich für ihn Glaube und Wissenschaft nicht gegenseitig ausschliessen.

Als Student wird man mit sehr vielen Fragen konfrontiert: Zukunft, Beziehungen und Universität sind nur einige Themen, die junge Menschen im Studium beschäftigen.
Aber es gibt auch andere, die vielleicht nicht so häufig angesprochen werden und trotzdem sehr wichtig sind: Wie geht man mit den sogenannten wichtigen Fragen im Leben um? Was gibt es denn über Gott zu sagen? Wieso hat man das Gefühl, das sei ein verbotenes Wort, das im Universitätsleben nichts zu suchen hat? Wenn man eine Karriere in der Wissenschaft sucht, dann wird oft angenommen, diese Fragen seien aufgrund der Studienwahl irrelevant oder bereits beantwortet.

Ich bin Physiker. Aber ich bin auch gläubig. Und ich arbeite sogar Teilzeit im aki. All das ist Teil meiner Persönlichkeit, und ich empfinde darin keinen Widerspruch. Dass Wissenschaft und Glaube nicht gut zusammen gehen, ist jedoch eine weit verbreitete Meinung, die wahrscheinlich unter anderem in der geschichtlichen Entwicklung von Kirche und Gesellschaft ihren Ursprung hat. Aber warum sollen sich Wissenschaft und Glaube gegenseitig ausschliessen?

Im Laufe der Geschichte hat die Wissenschaft zahlreiche Erkenntnisse und spannende Entdeckungen gemacht. Viele davon haben zu neuen und zum Teil sehr unterschiedlichen Erklärungen von Ereignissen geführt, die auch in der Bibel einen wichtigen Platz haben. Das wurde dann als Widerspruch interpretiert. Wohl am häufigsten genannt wird die Evolution. Nur wieso soll eine Abweichung in der Erklärung bedeuten, dass die Bibel falsch liegt? Wieso soll eine einzige korrekte Erklärung existieren? Und warum soll ein Mensch der Wissenschaft davon abgehalten werden, einen Glauben zu bekennen?

«Nur wenige wissen, wie viel man wissen muss, um zu wissen, wie wenig man weiss.» Werner Heisenberg

«Nur wenige wissen, wie viel man wissen muss, um zu wissen, wie wenig man weiss.» Werner Heisenberg

«Die Naturwissenschaft ohne Religion ist lahm, die Religion ohne Naturwissenschaft ist blind.» Albert Einstein

«Die Naturwissenschaft ohne Religion ist lahm, die Religion ohne Naturwissenschaft ist blind.» Albert Einstein

Im Standardmodell der Teilchenphysik wird das Higgs-Teilchen von vielen Forschern mit dem Fundament eines Hochhauses verglichen.

Im Standardmodell der Teilchenphysik wird das Higgs-Teilchen von vielen Forschern mit dem Fundament eines Hochhauses verglichen.

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Ich bin überzeugt, dass die Existenz beider Seiten und beider Denkweisen wichtig ist. Wünschenswert ist es natürlich, dass beide voneinander profitieren können. Deswegen halte ich mich an ein dynamisches Verständnis, sowohl von Religion als auch von Wissenschaft.
Die Konzepte müssen sich bewegen können und ständig neu begriffen werden. Dass Beobachtungen und systematisches Arbeiten nach der wissenschaftlichen Methode die Aussagen der Bibel nicht wörtlich bestätigen, sehe ich persönlich nicht als Hindernis, sondern als Herausforderung. Dies fordert uns heraus, die Bibel zu lesen, sie noch besser kennenzulernen und, vor allem, sie immer wieder neu zu verstehen.
Wir brauchen immer wieder andere Blickwinkel und neue Ideen, um eine zeitgerechte Interpretation zu entdecken. Bewegung ist Leben und nur durch Herausforderungen kann sich etwas weiterentwickeln.

2012 gelang es in Genf Physikern des CERN im Large Hadron Collider – dem grössten Teilchenbeschleuniger der Welt – zum ersten Mal, ein Elementarteilchen nachzuweisen, das als Bestätigung der lang erarbeiteten Theorie des sogenannten Higgs-Mechanismus gilt. Dies hat Peter Higgs weltbekannt gemacht und brachte ihm einen Nobelpreis ein. Medien weltweit behaupteten daraufhin, damit sei das Gottesteilchen entdeckt worden. Wieso eigentlich?

Das vollständige Standardmodell der Teilchenphysik fasst den aktuellen Wissensstand der Physik über Elementarteilchen und ihre Wechselwirkungen untereinander zusammen. Es ist die exakteste Theorie, die wir je gehabt haben: Sie beschreibt perfekt alle uns bekannten Phänomene im Mikrokosmos.
Bestandteile dieses Modells sind sogenannte Materieteilchen, Wechselwirkungen zwischen den Materieteilchen und das Higgs-Teilchen. Viele Forscher vergleichen das Higgs-Teilchen mit dem Fundament eines Hochhauses: Ohne diese Partikel ist das Modell unvollständig gewesen, sie spielt also eine wesentliche Rolle im Gesamtbild. Das Higgs-Teilchen verleiht nämlich durch das sogenannte Higgs-Feld den anderen Elementarteilchen ihre Masse. Deshalb gilt das Higgs-Teilchen vielen Forschern als das Gottesteilchen.
Die Welt, wie wir sie kennen, wäre nämlich ohne Masse nicht realisierbar. In einem Interview erklärte der theoretische Physiker John March-Russell vom CERN, wieso Masse so bedeutend ist: «Die elektrischen und radioaktiven Eigenschaften der Materie wären anders, es gäbe keine Sterne und, weil Chemie nicht möglich wäre, auch kein Leben.»

Abstrakt sind sowohl Theorie und Modell, aber die Bezeichnung «Gottesteilchen» soll nicht nur helfen, uns etwas Konkretes darunter vorzustellen, es soll auch eine einfache und zugängliche Beschreibung der Rolle des Higgs-Teilchens in unserem aktuellen Bild des Universums verdeutlichen. Die Wahl eines Namens ist also kein Zufall. Ich bin der festen Überzeugung, dass Wörter eine sehr tiefe Bedeutung haben. So wird zum Beispiel folgendes Zitat dem deutschen Physiker Werner Heisenberg (1901–1976) zugeschrieben: «Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaft macht atheistisch, aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott.»

Der erste Teil erklärt einen häufig anzutreffenden Skeptizismus von wissenschaftlichen Laien gegenüber dem Glauben. Wichtig ist deshalb der Nebensatz. Die Gottesvorstellung ist nicht zwingend auf das christlich-katholische, das jüdische oder ein anderes Bekenntnis limitiert. Heisenberg redet eher über ein Gotteskonzept.
Man darf deswegen nicht denken, dass man als Wissenschaftler irgendwie gezwungen ist, an Gott zu glauben. Wovon ich aber zutiefst überzeugt bin: Die Tiefe der Wissenschaft und der weite Blick in die innersten Strukturen des Universums haben einen Einfluss auf unsere Weltanschauung. Der wahre Wissenschaftler wird immer wieder mit philosophischen Fragen konfrontiert.

Die Glaubensfrage ist für den Wissenschaftler keine einfache Frage. Ein herausragendes Beispiel dafür ist Albert Einstein. Von ihm wird oft behauptet, er habe an Gott geglaubt. Ihm werden auch zahlreiche Zitate zugeschrieben, welche sich intensiv mit einem christlichen Gottesbild befassen. Er hat diese aber sehr wahrscheinlich gar nicht selbst formuliert.
Wenn man ein bisschen tiefer in seiner Biografie eintaucht, so entdeckt man seine tief greifende Lebensanschauung. In den vielen Schreiben, in denen er sich explizit mit Glaubensfragen und Gottesbildern beschäftigt, zeigt er sich als ein Anhänger des Naturalismus.

Er hatte offenbar ein Gottesbild, das sehr an jenes des Philosophen Baruch Spinoza erinnert. Einstein hat sich mit seinen eigenen Glaubensfragen sehr intensiv auseinandergesetzt und ist zu einem ganz persönlichen Schluss gekommen; er hat seine eigene Antwort gefunden. Man findet eben Gott, oder zumindest die Gottesfrage auf dem Grund des Bechers der Naturwissenschaft, weil man sich spätestens zu diesem Zeitpunkt fragen muss: Woran glaube ich?
Deshalb bin ich überzeugt, dass Wissenschaft und Glaube keine Gegensätze sein können. Sie bedingen sich gegenseitig.

Vor diesem Hintergrund wird für mich die Bedeutung eines Ortes wie der katholischen Hochschulgemeinde wichtig. Das aki ist ein Begegnungsort, wo man eingeladen ist, sich intensiv mit der eigenen Person und mit dem Leben im und ums Studium auseinanderzusetzen. Hier treffen sich beide «Welten», um den Fragen, wie ich sie oben formuliert habe, in Gemeinschaft nachzugehen. Wir begegnen einander also nicht nur in gemeinsamen inhaltlichen Interessen, sondern auch in einem noch viel breiteren Rahmen: im täglichen Leben.

Text: Sebastián Guerrero Soriano

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Sebastián Guerrero Soriano (22)

studiert Physik an der ETH Zürich