Stolpersteine

Bewusste Elternschaft

Nur wenige Schreiben eines Papstes haben inner- wie ausserkirchlich so viel Aufmerksamkeit erregt wie die Enzyklika «Humanae Vitae» von Paul VI., die auch nach 50 Jahren noch heftige Diskussionen auslöst.

Den Älteren ist sie bekannt als «Pillen-Enzyklika». Sie ist nicht nur ein Stolperstein, sondern eine Mauer zwischen einer Minderheit von Befürwortern und einer Mehrheit von Gegnern. Die meisten meinen, dass es darin ausschliesslich um das Verbot künstlicher Verhütungsmittel wie Pille, Kondom oder Sterilisation gehe.

Tatsächlich jedoch schreibt der Papst nur in Kapitel 17 über «ernste Folgen der Methoden einer künstlichen Geburtenregelung». Und mehr als einmal mahnt er: Man sollte bedenken… und nicht etwa: So wird es kommen! Insgesamt befasst sich «Humanae Vitae» in den restlichen 30 Kapiteln vorrangig mit dem Thema verantwortete Partner- und Elternschaft. Insofern ist diese umstrittene Enzyklika immer noch hochaktuell: Partnerschaft und die Ehe, Familienleben und Mitgestalten der Schöpfung verantwortet zu leben, ist nach wie vor eine grosse Herausforderung.

Dies hat auch Papst Franziskus in «Amoris Laetitia» (2016) betont. Man kann darin lesen, dass ihm die Sorgen und Ängste, aber auch Freuden und Hoffnungen verschiedenster Beziehungskonstellationen vertraut sind. Immer wieder appelliert er in sehr verständlicher Sprache, dass die Eheleute miteinander reden, dass sie gemeinsame Entscheidungen fällen, sich auf gleicher Augenhöhe begegnen, ihre Kinder zu eigenständigen Persönlichkeiten erziehen sollen. Seine umstrittene Äusserung im Januar 2015, dass sich «Katholiken nicht wie die Karnickel vermehren müssen», wollte wohl auch nur dazu anregen, sich miteinander Gedanken zu machen, was in der jeweiligen Situation verantwortbar heisst.

Vielleicht unterscheidet sich «Amoris Laetitia» von «Humanae Vitae» nur dadurch, dass Papst Paul VI. etwas missverständlich die Schlafzimmer in den Fokus nahm, während Papst Franziskus die Wohn- und Esszimmer im Blick hat. Dort spielt sich das Leben ab. Dort entscheidet sich, was verantwortbar und unverantwortlich ist. Dort ist den Menschen zu helfen, zu einer eigenen, aber auch guten Gewissenentscheidung zu kommen.

Auch nach 50 Jahren ist es eine enorme Herausforderung, eine gemeinsam verantwortete Partnerschaft zu leben, sich für (und wie viele) Kinder zu entscheiden und diese zu «Werte-vollen» Menschen zu erziehen. Als Kirche sind wir gefragt, in den Wohn- und Esszimmern, in unseren Pfarrzentren und Gottesdiensten hier Hilfe anzubieten.

Text: Rudolf Vögele, Leiter Ressort Pastoral im Generalvikariat Zürich-Glarus