Editorial

Jetzt geht's an die Wurzeln!

Es ist kein Vergnügen, in diesen Tagen katholisch zu sein. Und ich kann nur hoffen, dass mein Glaube tief verwurzelt ist. So tief, dass er mir Standhaftigkeit verleihen kann.

In den USA, Australien und Irland prägen Missbrauchsskandale seit Jahren das Bild der katholischen Kirche. Eben wurde ein erschütternder Bericht aus Pennsylvania publiziert. Und am 25. September wird Kardinal Reinhard Marx, Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, einen weiteren Bericht vorstellen. Auch dieser wird – soviel ist jetzt schon klar – kein gutes Licht auf die katholische Kirche werfen.

All das Gute, das im Namen der Kirche im Laufe der Jahrhunderte getan wurde, all die wahrhaftig überzeugenden Katholikinnen und Katholiken, all das ist mir derzeit kein Trost. Es darf mir kein Trost sein, denn Christentum ist keine Buchhaltung, in der sich Verbrechen mit guten Taten aufwiegen lassen.

Erschütternd sind nicht nur diese Berichte, erschütternd ist auch, dass es in unserer Kirche Kreise gibt, die weiterhin Vertuschung und Verharmlosung betreiben, die selbstgerecht und wehleidig vor allem sich selbst, anstatt die Opfer betrauern, die nicht davor zurückschrecken, sogar das Leiden für immer weitere durchtriebene Machtspiele zu missbrauchen.

Was mir bleibt, ist derzeit lediglich mein Glaube an Jesus Christus. Mein Glaube, auf den ich getauft und gefirmt wurde. Die Wurzeln dieses Glaubens müssen möglichst tief ins Evangelium reichen, denn diese frohe Botschaft ist grösser, weiter, tiefer und ewiger als jede Kirche. 

Ich bin und bleibe katholisch, auch wenn es kein Vergnügen ist. Aber eine Hilfe kann ich der Kirche nur dann sein, wenn ich vor allem anderen standhaft zu ihm stehe. Zu ihm, Jesus Christus, denn er ist mein Glaubensgrund.

Text: Thomas Binotto