Schlusstakt

Kompliziert leben!

Ich finde, das Leben sollte wieder komplizierter werden. – Das wird nicht dazu führen, dass ich Jus studiere. Ich werde auch keine neue Versicherung gründen. Und von IT-Installationen anderer Menschen lasse ich weiterhin die Finger.

Aber ich wäre gerne wieder meine 30 Jahre jüngere Version, nennen wir sie 1. 0. Nicht wegen ihrer jugendlichen Bekümmertheit, Gott bewahre. Ich beneide 1.0 vielmehr darum, dass es vor 30 Jahren so verdammt mühsam war, an vergriffene Bücher zu kommen. Monate- manchmal sogar jahrelang musste man für ein bestimmtes Buch auf Grabungen in schlecht bis gar nicht geordnete Antiquariate gehen. Aber wenn nach Grubenkoller und Grobstaubattacken eine neue alte Chesterton-Ausgabe für 12.– Franken ans Tageslicht kam, dann war das pures Glück.

Meine Version 50+ gibt einen gesuchten Titel im ZVAB ein. Drei Tage später liegt das Buch – das Siegel «Fundstück» verbietet sich – im Briefkasten, wird ins Regal gestellt und die Rechnung bezahlt. Dann geht's weiter mit dem super effizient gestalteten Leben. Die zeitfressende Liebe zum Buch ist der nüchternen Verwaltung von Online-Buchungen gewichen.

1.0 hat seine Lieblingssongs mühsam auf Tonbandkassetten zusammengeflickt, hat deren Hüllen in innigster Flucharbeit mit Lettraset verklebt und diese tagelange Heimarbeit dann als Beweis seiner Liebe verschenkt. Heute greift 50+ im Vorbeigehen nach Liebesbeweisen und kauft an der Kasse einen Gutschein für Spotify.

Das Leben (und die Liebe übrigens auch), die müssen wieder komplizierter werden. Diese Einsicht verdanke ich den verwöhnten Kindern von Helikopter-Eltern, dem Strahlen von Menschen, die einen SBB-Automaten erstmals ohne Hilfe bedienen können und den Interviews mit ausgepumpten, schweissnassen Spitzensportlern, die nur noch eines keuchen können: Je grösser die Anstrengung, desto tiefer die Befriedigung am Ziel.

Recht haben sie mit ihrem Keuchen. Wenn ich eine Bergwanderung mache, verfluche ich in der ersten Stunde den Idioten, der nicht die Seilbahn nehmen wollte, und belächle spätestens auf dem Gipfel den Idioten, der sich eine Stunde lang verflucht hat.

All die Geräte, die immer mehr immer besser immer effizienter können, all diese Geräte machen uns unglücklich. Weil sie einfach viel zu gut funktionieren. Am liebsten würde ich die Glückseligkeit eines komplizierten Lebens im Selbstversuch an mir selbst beweisen. Wenn ich dafür nur nicht zu bequem wäre…

Text: Thomas Binotto