Essay

Verfluchte Superhelden

Die Superhelden des Kinos taugen nicht bloss als Begleitphänomen zum Popcornverzehr. Sie sind gleichzeitig Projektion und Abbild unserer Gesellschaft.

«Das Allermerkwürdigste an ihr war, dass sie so stark war. Sie war so furchtbar stark, dass es auf der ganzen Welt keinen Polizisten gab, der so stark war wie sie. Sie konnte ein ganzes Pferd hochheben, wenn sie wollte. Und das wollte sie.» 

Wer an Superhelden denkt, der denkt zunächst an Superman, Batman und Spider-Man, als Nostalgiker unter Umständen an Tarzan, Flash Gordon und Winnetou, als Bildungsbürger vielleicht sogar an Herkules, Siegfried oder Artus – aber an eine wie Pippi Langstrumpf?

Dabei treffen auf Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf zwei der wichtigsten Superhelden-Merkmale zu: Übermenschliche Kräfte und quälende Einsamkeit. Pippis Abenteuer sind spektakuläre Spässe und gleichzeitig von tiefer Melancholie und Trauer geprägt.

Wer wünschte sich nicht, derart aussergewöhnlich wie Pippi zu sein – und wer fürchtete sich nicht vor ihrer Einsamkeit? Superkräfte und Einsamkeit werden von Astrid Lindgren nicht zufällig nebeneinander gestellt.

Wer sich von seiner Umgebung durch aussergewöhnliche Fähigkeiten abhebt, wird zwangsläufig zum Aussenseiter. Als äusseres Zeichen dafür gehört Elternlosigkeit praktisch ausnahmslos zur Biografie aller Superhelden: Tarzan, Superman, Batman, Spiderman, Harry Potter oder James Bond – jeder von ihnen hat seine Eltern früh verloren.

Das Waisentum der Superhelden steht für existentielle Einsamkeit und für den Zwang, sich nur auf sich selbst verlassen zu können. Der aber führt direkt ins Single-Dasein. Das Doppelleben ist bei Superhelden deshalb die Regel. Wer ihre wahre Identität entdeckt, erhält Macht über sie.

Nirgends wird deshalb so ungeniert zölibatär – wenn auch nicht immer keusch – gelebt wie im Superhelden-Milieu. Und wenn doch eine feste Beziehung droht, dann wird sie meist, wie wir spätestens seit James Bond wissen, gnadenlos gekappt. Wegen dieser faktischen Eheuntauglichkeit ist eine Superhelden-Parodie wie «The Incredibles» so umwerfend komisch, weil hier ausgemalt wird, was aus Superhelden wird, wenn man sie an Kind und Kegel, an Heim und Herd fesselt.

Pippi Langstrumpf - Foto: United Archives GmbH / Alamy Stock Photo
Pippi Langstrumpf - Foto: United Archives GmbH / Alamy Stock Photo

Das Motto macht den Unterschied

Als Spider-Man ist er ein Superheld – als Peter Parker dagegen schüchtern, ungeschickt und unscheinbar. Dennoch möchte er von Mary Jane gerade nicht als Spider-Man geliebt werden. Peter empfindet sein Spinnendasein als Belastung, als Fluch, als eine Deformation, die seine Mutation ja tatsächlich auch ist.

Peter führt sein Doppelleben letztlich nicht zum Schutz des Superhelden, sondern zum Schutz des Möchtegern-Normalbürgers. Wenn er sich Mary Jane offenbart, dann fällt paradoxerweise die Maske «Peter Parker» und dahinter wird die einsame Seele Spider-Man sichtbar.

Stan Lee, der Schöpfer Spider-Mans und vieler anderer Marvel-Helden, ist von dieser Zwiespältigkeit der Superhelden sichtlich fasziniert. Bei ihm geraten Helden und Schurken in eine schicksalhafte Beziehung. Eigentlich sollten Norman Osborn und Otto Octavius genauso Helden sein wie Peter Parker, aber durch einen unkontrollierten Deformationssprung wurden aus ihnen Monster: der Grüne Kobold und Doc Ock.

Von den Schurken trennt die Superhelden letztlich nur, dass sie jemandem wie dem sterbenden Onkel Ben gehorchen, der Peter Parker ermahnt: «Aus grosser Kraft folgt grosse Verantwortung.» Nur weil sie diesem Motto folgen, sind sie Helden – weil sie diesem Motto folgen, sind sie einsam – und weil sie diesem Motto folgen, ist ihre dramatischste Heldentat das Ertragen der Einsamkeit.

«Gute» Gewalt gegen «böse» Gewalt

Eine weitere Konstante des Genres ist allerdings auch, dass die «böse» Gewalt nicht durch Gewaltlosigkeit besiegt wird, sondern durch «gute» Gewalt, die sogar noch gewalttätiger ist als die «böse». Man kann dies als Inkonsequenz betrachten – und die meisten Kritiker des Genres tun dies auch – aber man kann es auch als fundamentales Paradox begreifen.

Das waren die Kino-Superhelden 2017…

Mit Blockbuster-Rhetorik vor Augen geführt wird uns das Dilemma des Superhelden in «Star Wars»: Luke Skywalker wird in entscheidenden Momenten immer wieder zur mystischen Paradoxie gezwungen.

Wenn ihn Darth Vader mit teuflischer List als Verbündeten lockt, lässt er sich in den scheinbar sicheren Tod fallen. Und er gibt seine Schüsse in das Herz des Todessterns blind, ohne technische Zielhilfen ab. Damit richtet er ein verheerendes – aber für ihn befreiendes – Inferno an. Der Mystiker wird zum Böse- Masse-Vernichter mit gutem Grund.

Auch Bruce Banner findet den Ausweg aus der Gewaltspirale nicht. Seine Mutation ist Folge der wissenschaftlichen Versuche seines Vaters. Während Bruce normalerweise ein ruhiger, ausgeglichener junger Mann ist, verwandelt er sich im Zorn in Hulk, das unkontrollierbare Monster. Seine Superkräfte sind definitiv ein Fluch, den er nicht abschütteln, sondern bestenfalls bändigen und kanalisieren kann. Er ist der gute Geist, der stets verneint und den vom Schurken einzig unterscheidet, dass er seine Zerstörungswut für die gute Sache einsetzt.

Mit «Hulk» – der Version von 2003, nicht jener von 2008 – eröffnet sich eine reizvolle Seitenlinie in der Superhelden-Genealogie, die uns direkt zu Li Mu Bai führt. Für den begnadeten Schwertkämpfer aus «Tiger & Dragon» gilt Onkel Bens Weisheit nämlich genauso wie für seine westlichen Superhelden-Kollegen. Wer die Kampfkunst beherrscht, muss damit sorgsam umgehen. Das ist es, was die junge Jen nur widerwillig begreifen will. Durch die Luft zu fliegen, ist leicht – damit das Richtige anzustellen, schwer.

Der Lebenssinn des Kämpfers ist paradox: Durch den Kampf sucht er sowohl inneren wie äusseren Frieden. Erst dank der vollkommenen Selbstbeherrschung wird es endlich gelingen, das zu tun, was Li Mu Bai schon immer wollte: das Schwert aus der Hand zu legen.

Neben dem Spektakel an sich, durch das die Sehnsucht des Menschen nach Unsterblichkeit schimmert, bieten sich Superhelden auch in herausragender Weise als Alter Ego für Pubertierende an, insbesondere für junge Männer.

Sie empfinden das Erwachsenwerden körperlich als eigentliche Mutation. Der Körper verändert sich, verhält sich unerwartet, wird als fremd oder sogar abstossend wahrgenommen. Erst allmählich gewinnen sie die Kontrolle über ihn zurück und lernen sich wieder neu mit ihm anzufreunden. Genauso geht es Spider-Man.

Diese oft schmerzhafte Auseinandersetzung mit neu heranwachsenden Kräften und deren Gewaltpotential stellt gerade Jungs vor grosse Herausforderungen. Ein Drama, das in «Spider-Man» besonders einprägsam gespiegelt wird: Als Superheld überwindet Spider-Man mit spielerischer Eleganz die Grossstadt-Schluchten – aber als Peter Parker ist er nicht fähig, Mary Jane mit einfachen Worten seine Liebe zu gestehen.

Diese Unfähigkeit, Gefühle in Worte zu fassen, führt im Extremfall dazu, dass sich der Stau in irrationalen Gewaltausbrüchen entlädt. Das mag sich auf der Leinwand in einem prächtigen Inferno äussern, aber den meisten Superhelden (und Halbstarken) geht es wie Peter Parker: Sie leiden stumm an ihrer Sprachlosigkeit.

Opfer der Leistungsgesellschaft

In ihrer Einsamkeit und Zerrissenheit sind Superhelden damit ideale Projektionsfläche für Heranwachsende. Sie können so vieles – aber die Umwelt traut ihnen nichts Gutes zu oder missversteht sie. Deshalb fühlen sie sich abgelehnt und isoliert.

Selbst die physischen und psychischen Schwankungen, wie sie Heranwachsende durchleiden, kann man an einem Helden wie Spider-Man nachempfinden. Seine Uneinigkeit mit sich selbst kann sogar so weit gehen, dass er seine Superkräfte einbüsst.

Und schliesslich stehen Superhelden in ihrem bedingungslosen Kampf für Gerechtigkeit und Wahrheit stellvertretend für eine jugendliche Aufbruchstimmung, für den naiven aber auch unverbrauchten Glauben daran, dass dieser Planet ein besserer Planet sein könnte.

Darüber hinaus lassen sich Superhelden aber nicht bloss als Identifikationsfiguren für männliche Heranwachsende kategorisieren und die entsprechenden Filme als Jugendfilme schubladisieren. Im Genre und seiner anhaltenden Beliebtheit drückt sich auch ein gesellschaftliches Phänomen und Dilemma aus. Spider-Man, Superman und Batman sind Gehetzte der Leistungsgesellschaft – Schwäche verboten!

Genau unter dieser Unerbittlichkeit leiden immer mehr Menschen an ihrem Arbeitsplatz. Eine Arbeit gut zu tun, bedeutet Stagnation; mit einem Arbeitsplatz zufrieden zu sein, heisst, ohne Visionen zu sein; das Wort «genug» wurde aus dem Sprachgebrauch der Erfolgreichen gestrichen.

Überforderung wird damit institutionalisiert – und das Doppelleben auch – selbst im Privaten. Glück ist, wenn der Sex immer besser wird, wenn es in der Beziehung permanent knistert, wenn mühelos zwischen perfekter Berufsfrau/ -mann und Familienfrau/-mann hin und her teleportiert wird. Für all dies, ist mann/frau selbst verantwortlich, kein Gott und kein Schicksal, das Entlastung verspricht. Superheldentum ist längst nicht mehr ein unschuldiges Kinovergnügen mit einer Prise Eskapismus auf Zeit, sondern realer Anspruch an unseren realen Alltag geworden.

Seit Jahren, ja Jahrzehnten vergeht kaum ein Monat ohne Superheldengeschichte im Kino. «Ant-Man and the Wasp», «Avengers: Infinity War», «Black Panther» und «Incredibles 2» sind nur ein paar aktuelle Beispiele für das, was längst kein Boom mehr, sondern ein Dauerzustand ist.

Aber so viel Zwang zum Heroismus provoziert zwangsläufig auch Antithesen. Ken Loach, Aki Kaurismäki oder Andreas Dresen sind die Regisseure des Anti-Superheldentums. Und auch hierfür gibt es eine lange Kinotradition mit Namen wie Charles Chaplin, Vittorio de Sica oder Frank Capra an der Spitze. Sie sind und waren die Antwort auf Leistungsgesellschaft, auf Gesundheits- und Jugendlichkeitswahn, auf all das, was man zusammengefasst Glückszwang nennen muss.

Ihre Figuren könnten Slapstick-Figuren sein, weil sie so oft umfallen, immer wieder aufstehen und sich nicht unterkriegen lassen. Vielleicht stammt von hier auch die unverwüstlich-leise Komik, die sie trotz all ihrem Unglück ausstrahlen, das Lachen, zu dem sie uns bei aller Erschütterung zwingen.

Nicht wenige unter diesen Anti-Helden sind geheime Verwandte Peter Parkers. Sie wollen nicht heldenhaft sein und werden doch dazu gezwungen.

Das magische Wort für diese Art von Heldentum heisst Solidarität.

«Aus vielfältiger Schwäche wächst grosse Stärke, wenn sie treu zusammenhält.» würde wohl Onkel Ben dazu sagen.

Text: Thomas Binotto

Frischkonserven

Angebot laufend

Unsere «Frischkonserven» sind Beiträge aus dem forum-Archiv, die wir immer noch für geniessbar halten und deshalb als Online-Bonus zu unserer Printausgabe veröffentlichen. Die Beiträge sind sanft restauriert. Der Beitrag «Verfluchte Superhelden» erschien erstmals in der Nummer 4/2011.